Kategorie: Erster Teil


13 Turnus

Von einem kleinen Trupp bewaffneter Männer umzingelt, werden wir auf die Laderampe eines Pick-Up Trucks verfrachtet. Nachdem man unsere Hände und Füße gefesselt hat, setzt sich das Fahrzeug in Bewegung. Rat suchend wende ich mich zum Auge, um mit ihm zu sprechen.

Noch ehe ich ansetzen kann, erklärt er mir mit traurigem Gesicht: “Du hältst mich für deinen Lehrmeister, für deinen Berater, aber der bin ich nicht. Ich bin vielmehr dein Begleiter. Ich bin ein Teil dieser Welt und kann sie dir in ihren Grundzügen erklären. Die meisten Unterschiede zu deiner alten Welt hast du bereits kennen gelernt. Doch auch ich kenne nicht jeden Ort oder jeden Handlungsstrang; vor allem deshalb nicht, weil sich nahezu alles verändern kann. Die Welt reagiert in gleichem Maße auf dich, wie du auch auf sie reagierst. Wenn du stärker wirst, weil dein Geist stärker wird, dann wird auch die Welt stärker. Du bist jetzt Teil dieser Welt, doch die Welt ist auch ein Teil von dir.”, dann deutete er mit einer schwachen Kopfbewegung auf einen der Männer. “Ich weiß nicht wohin wir gebracht werden. Alles was ich weiß ist, dass es Turnus’ Männer sind. Sie sind ewig Getriebene, sind ständig auf der Suche nach einer Stadt. Und womöglich glauben sie, dass du, weil die Welt ja auf deiner Imagination basiert, weißt, wo sie die Stadt finden können.”

Dann verstummt er. Er sieht müde aus. Sein braunes Haar deckt sein Haupt nicht mehr so geordnet wie früher, unter seinen Augenliedern zeigen sich deutlich Tränensäcke, seine Mundwinkel hängen leicht herab. Ihn scheint die Entführung aber auch die Begegnung mit Setech stark mitgenommen zu haben, beziehungsweise mitzunehmen. Ich will der Sache unebdingt auf den Grund gehen.

Nach einer längeren Fahrt kommt der Truck zum Stehen. Wir werden in eine Hütte gezerrt, unsere Fessel gelöst. Während uns zwei Männer des Trupps bewachen, höre ich deutlich Schritte eines jemanden, der uns näher und näher kommt. Dann steht er vor uns. Ein Mann mit muskulösem Oberkörper, einer Uniform, wie ich sie noch nie gesehen habe, die zwar in einer klassischen Militärcamouflage gehalten, jedoch ungewöhnlich dunkel, ja, fast schwarz ist, einer markanten Nase, dunkelbraunen, ordentlich zurückgekämmten Haaren, braunen Augen, und vollen Lippen, der uns erhabenen Blickes mustert, betritt den Raum.

“Ich stelle euch vor”, ruft einer der Wachen, “Turnus.”

12 Der Partykeller – Teil 2

Nachdem einige Zeit vergangen ist, kommt uns ein junger Mann mit einem drei Getränke tragenden Tablett entgegen. Er setzt sich zu uns, stellt das Tablett auf den Tisch und reicht uns jeweils ein Getränk. Es sieht hellgrün aus; ich vermute daher, dass es wohl nach Limette oder Waldmeister schmeckt. Ich nippe. Tatsächlich schmeckt es äußerst süßlich nach Limette und ist alkoholfrei. Während ich über die hohe Viskosität der hellgrünen Flüssigkeit staune und mir überlege, wieviel Zucker sie wohl enthalten muss, warte ich darauf, dass sich der Mann vorstellt. Erwartungsvoll blicke ich abwechselnd zum Auge und zu dem Mann. Dann endlich streckt er mir seine Rechte hin. Kurz umschließen wir unsere Hände, drücken sie für einen Moment, dann beginnt er zu sprechen:

“Ich bin Setech. Nett hier in deiner Welt.” Verwundert blicke ich ihn an. “Ganz recht. Solche Welten gibt es viele. Die meisten sind aber nicht so detailliert ausgestattet wie deine. Viele sind voller religiösem Kitsch. Einige beherbergen heilige Bäume und lichte Gärten, andere schlimme Feuer, Marter und Qualen; wieder andere sind einfach nur trist und spiegeln die tiefsten Ängste und Sorgen wieder. Deine ist irgendwie anders. Zwar finden sich auch in ihr Elemente, die deine Sorgen und Ängste erzeugt haben, doch sie bietet so viel mehr; sie ist um einiges reicher. Sie ist voller Ideen, geradezu überladen von Kreativität; ist durchwirkt von den größten Sehnsüchten und kühnsten Träumen. Sie ist das Produkt einer Seele, die ihre Träume und Fantasien niemals aufgegeben hat und das macht sie so einzigartig. Deshalb ist sie eine der mächtigsten Welten, die ich kenne. Deshalb bin ich hier.”

Ich blicke auf das Auge. Mein Lehrmeister sitzt reglos da, blinzelt nicht einmal mit den Augenliedern, scheint, wie starr zu sein. Dann wende ich mich Setech zu: “Du bist hier, weil die Welt eine der mächtigsten ist? Warst du schon in anderen Welten? Ich dachte, alles, was ich in dieser meiner Welt vorfände, sei ein Produkt meiner Imagination.”

Der Mann lacht, dann klopft er mir auf die Schulter. “Das hat dir wohl dein Begleiter gesagt. Er sagte das, weil er es nicht besser weiß. Wie soll er auch? Auch er entstammt dieser Welt. Ich hingegen nicht. Du vermutest richtig. Ich existiere in vielen Welten – auch in deiner. Solange es sie gibt, werde ich ihre Macht nutzen. Im Gegenzug werde ich dir helfen, deine finstersten Schrecken zu besiegen. Kein Alb ist stark genug, um mir entgegentreten zu können. Keine Furcht tief genug, um mich zu blenden. Kein Schauder heftig genug, um mich aufzuhalten und keine Sorge gewichtig genug, um mich zu bedrücken. Ich zertrete meine Widersacher und zerschmettere meine Feinde. Durch meinen Arm wirst du Siegen, durch meinen Mut wirst du bestehen, und durch mein Herz wirst du leben.”

Dann packt er meine Schulter, beugt sich weit vor, bis ich seinen heißen Atem spüren kann und sieht mir noch lange in die Augen. Nach einiger Zeit nimmt er seinen Arm von meiner Schulter, steht auf und geht.

Kaum ist er verschwunden, beginnt sich das Auge wieder zu regen. “Folge mir!”, sagt er.

“Weshalb nennst du dich eigentlich ‘das Auge’?”, frage ich.

“Du hast soeben jemanden getroffen, der nicht aus deiner Welt stammt. Sei vorsichtig! So jemand kann durchaus eine große Hilfe sein, aber auch ein grimmiger Feind. Ein Trojaner sagte einmal: Timeo Danaos, et dona ferentes! Das heißt übersetzt: Ich fürchte die Danaer – auch wenn sie Geschenke darbringen.”

Wir biegen um die Kurve und in der Tat hat sich der ganze Party-Keller verändert. Wir stehen nun in einem großen Raum, der eine Empore aufweist. Mir fallen die unzähligen Kartonberge auf, die in dem Raum stehen, und obwohl über uns eine gewaltige Diskokugel kreist, wirkt der Raum eher wie eine Lagerhalle. Nach wie vor stehen vereinzelt Personengruppen und scheinen sich zu amüsieren. Doch so recht mag das alles nicht zusammenpassen. Ich folge dem Auge und rasch können wir den Party-Keller verlassen.

“Wie ich bereits sagte”, erinnert das Auge, “ist der Party-Keller stets ein möglicher Rückzugsort für dich. Aber denke an meine Worte. Immer!”

11 Der Partykeller – Teil 1

Noch ehe ich wieder sprechen kann, bringt das Auge solche Worte hervor: “Wie ich sehe, bist du nun zum ersten Mal einem Alb begegnet. Ferner wurdest du zum ersten Mal Bestandteil des Ortes, indem du dich vollkommen in die Geschichte eingefügt hast – hierfür ist Marc ein gutes Beispiel.”

Kaum sind diese Worte gesprochen, löst sich Marc auf und verschwindet gänzlich. “Aber wie ist das nur…”, will ich fragen.

“Ganz recht! Marc ist eine Imagination. Er ist ebenso imaginär, wie die Rahmenhandlung, laut der du ihn suchen musstest, um dann, nachdem du ihn endlich gefunden hast, durch einen weiteren Handlungsstrang, erstmals einem Alb zu begegnen. Wohl weiß ich, dass sich das alles sehr verwirrend anhört, aber so verhält es sich nun einmal. Im Laufe der Zeit wirst du immer öfter Teil einer Handlung werden, immer öfter Teil dieser Welt. Dein Verstand beginnt mit ihr zu verschmelzen; dein Geist, sich in ihr zurechtzufinden. Sine fieri! Lass es geschehen!”

Dann schiebt er mich mit sanfter Gewalt zurück über das weite Tal zur gewaltigen Stadt. “Ich möchte dir einen weiteren Ort vorstellen – den Partykeller. Hier wirst du zu jeder Zeit Menschen finden, doch ich will dich gleich warnen. Dieser Ort ist anders, als alle, die du bereits gesehen hast. Er gehört zu jenen Orten, die sich noch schneller verändern als die anderen; zu all jenen, die deine Sinne verwirren werden. Dennoch ist der Partykeller ein möglicher Rückzugsort, wenn du – im Rahmen einer imaginierten Handlung – fliehen musst. Glaube mir: Du wirst noch oft auf der Flucht sein; crede mihi!”

Während wir uns auf dem Weg zur Stadt befinden, denke ich über die Worte meines Lehrmeisters nach und wundere mich über die lateinischen Interjektionen, die er sonst nicht gebraucht.

Noch völlig im Gedanken merke ich plötzlich, wie er stehen blieb. “Hier ist er!” Er deutet auf eine schmutzige Tür eines Nachtclubs. Wir steigen die Treppen herab. Statt eines kleinen, überfüllten Nachtclubs sehe ich einen wohl riesigen Gang, der eine leichte Rundung aufweist und wohl kreisförmig verläuft. Das Licht ist gedämpft und rötlich, dennoch erinnert der Keller keineswegs an ein Bordell, sondern eher an eine Art… Raumstation. In kleinen Gruppen stehen Männer und Frauen und erzählen miteinander. Die Musik tönt nur sehr leise. Einige Personen tragen Waffen. Werden sie hier benötigt?

Wir gehen den Gang entlang und lassen uns auf einer Sitzgruppe nieder. “Wir warten hier.”, spricht das Auge. “Wenn wir zurückgehen, wirst du erkennen, dass sich der gesamte Ort verändert hat.”

10 Der unheilvolle Hain

Marc scheint von irgendetwas aufgebracht zu sein, packt mich unsanft an meinem Arm und zieht mich neben sich her. Ich frage ihn immer wieder, wohin wir eilen, doch er antwortet mir nicht. Sein Gesicht ist schweißgebadet. Auch seine Hand ist schwitzig. Wir laufen, nein wir hasten jetzt durch die schweigende Stadt, bis wir nach etwa zehn Minuten ein weites, gräsernes Tal erreichen, mit weithin ausgedehnten Wiesen und Hügeln, frischer, unverbrauchter Luft und einem dichten, finsteren Wald auf der anderen Seite. Marc deutet auf den Wald, dann setzen wir unseren Weg fort. Erst etwa einhundert Meter vor dem Wald verharren wir.

“Marc, was hat es mit dem Wald auf sich? Wieso bist du so nervös? Du zitterst ja am ganzen Körper!”

Dann sieht er mich an und berichtet: “Dieser Hain wurde für lange Zeit niemals verletzt. Dunkel schließt er mit seinen verworrenen Ästen die Luft und eisige Schatten ein. Kein Sonnenstrahl fällt durch die Baumkronen. Weder Elfen, noch Waldgeister, die sonst die Wälder beherrschen, noch Nymphen wohnen hier. In ihm befinden sich Schreine von Göttern einer fremden Religion. Finstere Opfergaben hat man auf die Altäre geschichtet. Jeder Baum wurde mit Menschenblut gereinigt. Wenn das Altertum Glauben verdient hat, weil es sich stets über die Götter wunderte, fürchten sich dort sogar Vögel auf den Ästen und das Wild sich in den Wildlagern niederzulassen. Weder schlägt der aus finsteren Wolken herausgeschleuderte Blitz in den Hain, noch weht der Wind gegen ihn. Doch die Bäume zittern, obwohl sie ihr Laub keinem einzigen Luftzug aussetzen. Ferner fließt reichlich Wasser aus schwarzen Quellen. Die traurig aussehenden Götzenbilder sind völlig kunstlos gefertigt und ragen hässlich aus den Baumstämmen, aus denen man sie gehauen hat. Der Moder selbst und das fahle Grau, welches das Holz überzieht, jagt dir Angst ein. Das Unheimlichste an diesem Hain aber ist, dass man nicht weiß, was man fürchtet. Wenn die Sonne im Zenit steht oder die finstere Nacht den Himmel besetzt hält, fürchtet selbst der Priester der Götter, dem Wald nahe zu kommen und dessen Herrn zu entdecken.”Darauf verstummt er.

Während ihn die Angst zu lähmen scheint, haucht mir meine Neugier neue Kraft und neuen Mut ein.  “Und wer ist der Herr dieses Hains, oder wer sind diese Götter, die so unheilvoll aussehen sollen?

“Das ist ein und dasselbe. Es ist ein Alb.”

“Du scheinst bereits im Hain gewesen zu sein.”

“Und ich würde ihn nie mehr wieder betreten!”

“Dann warte hier!”, sage ich und nähere mich mutigen Schrittes den äußeren Bäumen. Schnell ist die kurze Distanz zurückgelegt, schnell stehe ich, von fahl grauen Bäumen umgeben mitten in ihm, sehe die kranken Bilder der Götzen, rieche den fauligen Geruch des Waldes, fühle die grausige Bosheit des Albs und erinnere mich sofort an jenen Keller, aus dem ich nur mit großem Glück entkommen konnte. Mein Verstand will mich zum Umkehren überreden, nahezu dazu zwingen, aber meine Neugier überwiegt.

Dann scheinen sich die düsteren Zwischenräume der Baumstämme zu verengen, scheinen mich erdrücken zu wollen und mit einem Mal wünsche ich mir, den Hain nie betreten zu haben. Vor mir bebt der Boden, das Beben wird zunehmend heftiger, bis schließlich mit einer unglaublichen Schnelligkeit ein alter, starrender Mann aus dem Boden emporschießt. Sein langes, graues Haar fällt ihm ungepflegt über die Schultern, seine wild gewachsenen Fingernägel erinnern eher an Klauen und seine Haut ist ebenso fahl wie der Belag, der überall das Holz der Bäume überzieht. Die unendliche Bosheit des Mannes spürend, wird mir klar, dass ich in diesem Moment zum ersten Mal einem Alb gegenüberstehe.

Mit langsamen Schritten kommt mir der Alb näher und je näher er kommt, desto mehr werde ich in ihn gesogen. Mein Körper beginnt sich zur Körpermitte hin zu verflüssigen und direkt in den Alb zu fließen. Dann erinnere ich mich an die Worte des Auges, bin fest entschlossen, mit einem gellenden Schrei den Alb vertreiben zu können und schreie so laut ich nur kann “NEIN!”

Dann ist der Alb verschwunden, der gesamte Hain sackt ebenso schnell, wie der Alb aus der Erde empor geschossen war, zurück in die Erde, Gras wächst über die Fläche und erleichtert stelle ich schweißgebadet fest, dass Marc sowie das Auge nur etwa zweihundert Meter entfernt von mir stehen.

09 Metropolis

In der Großstadt angekommen, steigen wir aus dem Wagen. Ich verlasse das Auge, weil ich plötzlich jemanden suchen möchte. Urplötzlich erinnere ich mich daran, mich mit Marc, einer meiner Freunde, verabredet zu haben. Ein Gruppe von Leuten kommt mir in der menschenleeren Straße entgegen und obwohl sie mir auf den ersten Moment völlig fremd erschienen sind, kenne ich sie plötzlich. Auch sie sind mit Marc befreundet und wir beschließen, ihn in der öden und stillen Stadt zu suchen.

Die Stadt ist in keiner Weise mit einer Stadt in meiner früheren Welt zu vergleichen. Riesige, hässliche Hochhäuser scheinen um ein kleines Stück wolkenverhangenen Himmels zu kämpfen und überall ist der graue Beton mit halb verwitterten Plakaten übersät, aus denen der Regen schon lange die Farbe ausgewaschen hat. Die meisten der Hochhäuser stehen leer. Nur wenige werden zu einem geringen Teil genutzt. Wieso das so ist, weiß ich nicht.

Ich folge also der Gruppe, da wir zunächst einmal jenen Nachtclub besuchen wollen, den Marc am liebsten besuchte. Es ist im Grunde eher ein Pub als ein Club. Marc besuchte ihn besonders gerne, wenn Quiz-Tag ist. All diese “Erinnerungen” kommen mir plötzlich vor mein geistiges Auge, obwohl ich nicht einmal sicher bin, ob es tatsächlich Erinnerungen sind, oder ob der Ort mit mir Spiel, so wie es die Vorstadt tat.

Dann dreht sich einer der Männer um und ruft mir zu: “Schau du doch bitte mal in diesem Hochhaus nach; dort wurde er zuletzt gesehen. Wir suchen ihn im Club!”

Ich mache also kehrt und betrete das unverschlossene Hochhaus. Im Inneren angekommen werde ich auf wundersamer Weise in den obersten Stock gesogen. Ich befinde mich in einem sehr engen Raum, der mich auf unheilvoller Weise an ein Krankenhaus erinnert. Vor mir steht ein blutbefleckter Rollstuhl. Gegenüber befindet sich ein Aufzug und rechts von mir eine kleine Tür. Das muss wohl das Treppenhaus sein, schätze ich. Ich sehe nach. Bitter werde ich enttäuscht. Es ist ein Abstellraum, in welchem ebenso blutbefleckte, weiße Kittel hängen, ein Besen und eine mit Urinstein übersäte Toilette steht.

Schnell wird mir klar, dass  der Fahrstuhl den einzigen Weg zurück darstellt und folglich betrete ich ihn. Zu meinem großen Erstaunen gibt es jedoch nur zwei Schalter: Einen, um die Tür aufzuhalten, der zweite, um in das Erdgeschoss zu fahren. Ich frage mich jetzt natürlich, ob das gewaltig ausschauende Hochhaus im Inneren hohl ist und lediglich dieses kleine oberste Stockwerk sowie das Erdgeschoss als bewohnbare Ebenen aufweist, drücke dann aber den Knopf, der mich in das Erdgeschoss fahren soll. Marc finde ich hier ohnehin nicht. Die Aufzugstür schließt sich. Dann beginnt der Albtraum.

Der Fahrstuhl ruckelt zunächst ein wenig, dann wird das Ruckeln zunehmend stärker, bis es derart heftig wird, dass ich mich nicht länger auf den Beinen halten kann. Die Aufzugseile beginnen zu reißen. Ein lauter Knall und ich falle. Jetzt passiert das Unmögliche. Der Aufzug dreht sich horizontal um volle dreihundertsechzig Grad, ich werde mit voller Wucht gegen die Aufzugwände gestoßen und dann, sowie der Schrecken den Apex des Wahnsinns erreicht hat, bleibt er mit einem weiteren lauten Knall aufrecht stehen und die Aufzugtür wird ob des immensen Schlags aufgesprengt. Wie durch ein Wunder ist mir nichts passiert, doch ich bin schweißgebadet. Nachdem ich den Aufzug und schließlich das Foyer des Hauses verlassen habe, trete ich in die kühle Nachtluft. Es regnet. Dann sehe ich ihn: Marc.

08 Weil sie einsam sind…

Wir haben die umkämpfte Küste an der tosenden Mündung eines gewaltigen Flusses verlassen und folgen seither einem schmalen geteerten Weg, der uns durch hohes Gras am Flussufer entlang führt. Nichts ist zu hören, außer unsere eigenen Schritte. Weiter und weiter entfernen wir uns vom Meer und nähern uns – schon aus der Ferne ist sie immens anzusehen – einer riesigen Fabrik. “Versuche niemals”, warnte das Auge,  “fliehend das Fabrikgelände zu betreten. Du wirst keinen Zugang finden. Es führt hier keine Brücke über den Fluss und es sind schon viele Gedanken in seinen Wassern gestorben.”

Ich drehe mich zu meinem Begleiter um und erwidere: “Wir sind schon einige Zeit unterwegs. Nichts und niemand hat unseren Weg gekreuzt. Vor wem könnte ich hier fliehen wollen?” Er deutet gerade aus und mein Blick konzentriert sich auf das Ferne. Dann endlich sehe ich vage Umrisse von hohen Gebäuden. Wie hoch sie sind, kann ich von hier aus nicht bestimmen, es muss sich freilich um große Gebäude einer noch größeren Stadt handeln.

“Gehen wir also in eine Stadt?” Er schüttelt den Kopf. “Wir gehen in eine Vorstadt. Ein lieblicher Ort, doch auch er hat Gefahrenpotential, das du erkennen musst.”

Endlich sind wir angekommen. Unser kleiner Weg mündet in eine Vorstadtstraße. Ein Bewohner wird auf mich aufmerksam und bittet mich seine Katze zu suchen. Er beschreibt sie mir – es handelt sich um eine weiße Katze – dann berichtet er mir, dass sie noch in der Nähe sein muss. Sie sei die Straße hinunter gelaufen. Also setze ich meinen Weg fort, um sie zu suchen. Das Auge ist verschwunden. Allein also laufe ich die Straße entlang und halte Ausschau nach einer weißen Katze. Am Ende der Straße angekommen – ich stehe vor einer T-Kreuzung – entscheide ich mich, nach links zu biegen. An der Ecke steht eine Litfaßsäule. Sie ist nackt, ohne jedes Poster. In dieser Straße stehen vereinzelnd Autos. Die Sonne geht unter. Die Straße wird von schwach leuchtenden Laternen erhellt. Vereinzelt stehen Bäume. Es wirkt alles so ruhig, so ungefährlich. Ich kann mir nicht vorstellen, was das Auge mit seiner Warnung gemeint hat und wünsche mir nichts sehnlicher, möglichst keinem Alb zu begegnen.

Nun stehe ich an einer weiteren Kreuzung, bleibe stehen, als mich ein junger Mann anspricht. “Hilfst du mir bitte mit dem Wagen? Er springt nicht an!” Nicht lange überlegend stimme ich zu und frage, wie ich helfen könne. Im selben Moment springt der Wagen an, ein älterer Anwohner verlässt schreiend sein Haus, der Mann ergreift die Flucht. Der Wagen hat anscheinend eine Lichtautomatik, da sich mit dem Motor auch das Ablendlicht einschaltete. Aus Furcht vor dem Mann will ich in das Auto steigen, um ebenfalls die Flucht zu ergreifen, da erst bemerke ich, dass es kurzgeschlossen war. Ich habe meine Hilfe wohl einem Autodieb angeboten. Der Anwohner kam mir zunehmend nahe, ich erinnere mich, dass es nur eine Traumwelt ist, in der ich mich befinde, steige in den Wagen und fahre davon. Ich kenne mich in dieser Stadt nicht aus, daher biege ich willkürlich bald nach links, bald nach rechts. Ich komme auf eine breitere Straße, sehe wieder eine Litfaßsäule, einen geschlossenen Laden auf der anderen Seite und einen großen Parkplatz. Ich parke den Wagen dort, springe heraus und laufe in die entgegen gesetzte Richtung.

Zwei Frauen kommen auf mich zu und bitten mich, ihnen zu sagen, wie sie zum Stadtpark kämen. Ich weiß plötzlich, wo er sich befindet, ohne dass es mir jemand gesagt hat und so kann ich ihnen den Weg erklären. Sie bitten mich mitzukommen, da es so eine schöne Nacht sei (Die Sonne war inzwischen untergangen). Dann aber packt mich das Auge am Arm und hält mich ab, mit ihnen zu gehen. “Es tut mir Leid, wir haben bereits etwas anderes vor.” Ohne dass mir Zeit zum Protest bleibt, sitzen wir beide in einem Wagen – ich auf dem Beifahrersitz, das Auge am Steuer – und fahren fort.

“Man versucht dich hier möglichst lange durch vielerlei Beschäftigungen festzuhalten. Das ist die Charaktereigenschaft dieses Ortes.” Verwundet erkundige ich mich nach dem Grund. “Weil die Traumbilder hier einsam sind. An sie wird nicht oft gedacht.”

07 Küste des Krieges

Von den Feldern der Ehre marschieren wir nun bereits eine Weile über savannenartiges Territorium. Das Gestrüpp wird immer lichter, Bäume sind bereits äußerst selten. Ich weiß nicht wohin wir gehen, doch das Auge scheint es zu wissen und ich folge ihm. Mir ist bereits seit einiger Zeit eine Leitplanke aufgefallen, der wir entlang laufen. Obwohl keine Straße, nicht einmal Reifenspuren zu sehen sind, zieht sich diese Leitplanke weithin durch die Ödnis, scheinbar ohne Sinn und ohne Zweck.

Schließlich erreichen wir eine alte, heruntergekommene Fabrikhalle. Die staubigen Fenster waren eingeschlagen. Die Mauern unverkleidet, das Haupttor aus den Angeln gehoben. Sofort gehe ich auf das Tor zu, voller Neugier, wie die Fabrikhalle wohl von innen aussieht. Das Auge begleitet mich. Im Inneren höre ich Schüsse. Ich fahre zunächst zusammen, suche mir dann aber Deckung. Unzählige Gerätschaften und alte Maschinen standen scheinbar planlos im Inneren und es war nicht schwer, Deckung zu finden. Dennoch höre ich mit großem Bestürzen, dass die Schüsse lauter werden. “Steige herunter!”, flüsterte das Auge. Ich blicke mich um, und erkenne eine Leiter, die nach unten führt. Ich klettere hinunter, sehe allerdings noch auf der Leiter zwei bewaffnete Wachen, die offenbar den Zugang zu diesem Bereich der Fabrik bewachen. Ich entsinne mich an mehrere Agentenspiele, die ich früher an meinem Computer gespielt habe, rede mir ein, dass ich mir die Kräfte der jeweiligen Akteure in dieser Welt durch bloße Vorstellung aneignen kann und springe direkt auf das Genick des ersten Mannes. Im Niedersinken drehe ich mich zu der zweiten Wache um, und schlage ihn mit einem Leopardenprankenschlag bewusstlos.

Dann folgt mir das Auge nach. “Du bist gut! Soeben hast du eine der wichtigsten Lektionen in dieser Welt gelernt: Fertigkeit durch Imagination! Imagination ist der Schlüssel. Wenn du glaubst, du könnest fliegen, kannst du es. Wenn du glaubst, du könnest jemanden bewusstlos schlagen, kannst du es. Doch der geringste Selbstzweifel wird dir die Fähigkeit wieder nehmen. Es ist nicht so, dass du eine Fähigkeit, einmal imaginiert, ständig besitzt. Du musst sie dir jedesmal neu imaginieren – Hinter dir!”

Ich drehe mich um, erkenne einen Mann, schlage ihn bewusstlos – versuche es – versuche ihn bewusstlos zu schlagen – warum funktioniert es nicht – schließlich übernimmt ihn das Auge.

“Das ist es, was ich meine. Der geringste Selbstzweifel wird dich entwaffnen. Bevor ich dir sagte, es könne schief gehen, hattest du gedacht, du könntest alles schaffen. Diese Zuversicht wirst du nie wieder haben, doch du musst lernen, den Zweifel zu ignorieren. Sicherlich stellst du dir jetzt die Frage, weshalb ich dich überhaupt gewarnt habe. Die Antwort ist denkbar einfach: Du musst jetzt bereits lernen, den Zweifel zu besiegen, bevor du einem Alb begegnest. Denn wenn du erst einmal einem Alb gegenüber stehst, kannst du dir keinen Selbstzweifel mehr leisten – Hinter dir!”

Wieder drehe ich mich um, diesmal schneller, sehe einen Mann, der mit einem Maschinengewehr auf mich zielt, trete ihm das Gewehr aus der Hand und schlage ihn anschließend bewusstlos, nachdem ich mir vorgenommen habe, derart schnell zu agieren, dass kein Zweifel in mir hoch kommen konnte. Dieser Plan scheint aufzugehen. Dann frage ich verwirrten Geistes: “Was ist ein Alb?”

“Der Ort an dem du warst… der Keller mit dem seltsamen Mann…. das war einer der Orte, an dem ein Alb wohnt. Der Mann hingegen war kein Alb. Er war nur derjenige, der dich zum Alb führen sollte. Der Alb hingegen, der dort wohnt und so unsagbar furchtbar, dass ich es dir nicht beschreiben kann. Gleich welche Worte, welche Umschreibungen, welche sonstige Stilfiguren ich verwenden würde, du könntest dir dieses Grauen doch nicht vorstellen. Fahre nun mit mir zur nächsten Fabrik, um die Küste des Krieges zu verlassen.”

Fahren? Ich blicke mich um und sehe eine Schiene, die in einem großen Bogen, in einer Kurve von fast neunzig Grad durch die Halle verlief. Unmittelbar darauf höre ich einen Zug, sehe ihn schließlich, wie er einfährt. Wir steigen ein, fahren durch einen langen Tunnel, mehrere Kurven. Dann bleibt der Zug stehen – zu meinem großen Erstaunen erneut in einer Fabrikhalle.

“Nach oben!”, befiehlt mir das Auge. Wieder sehe ich eine Leiter, klettere sie hoch, etwas nervös darüber, dass mich oben erneut bewaffnete Wachen erwarten könnten. Dort angekommen erkenne ich, dass die Halle leer ist. Nachdem das Auge ebenfalls angekommen ist, treten wir nach draußen. Ich sehe jetzt das Meer. Wir befinden uns an einer großen Sandküste. Wie seltsam. Eine Fabrikhalle mitten auf einem Sandstrand. Nicht weit entfernt erkenne ich einen Stand für Surfausrüstung.

“Die wird hier schon lange nicht mehr benutzt, seit diese Küste umkämpft wird.”

Ich beschließe in jenem Moment, mich über nichts mehr zu wundern.

06 Felder der Ehre

Ich laufe die Straße, die quer durch den dunklen Wald zu führen scheint, entlang. Das Grauen steckt mir noch im Gebein und mein Herz pocht noch immer übermütig gegen meine Brust. Doch vom einen auf den anderen Moment fühle ich mich unversehens besser, die Furcht wird aus meinen Knochen gesogen, mein wütendes Herz beschwichtigt. Da erkenne ich das Auge rechts von mir, wie es mitten auf der Straße läuft, so, als könne ihm nichts passieren. Sofort klage ich ihm, was mir wiederfahren war. Das Auge hört meine Worte, dann antwortet es solches:

“Du musst lernen, dich dieser Welt allein zu stellen. Den Ort, in welchen ich dich gehen ließ, ist nur ein kleiner Nexus des Schreckens. Es gibt größere, viel größere. Das ist es, was diese Welt ausmacht. Dies sind Träume! Zunächst einmal erscheint dir hier vieles schauderlich, weil alles so ungewohnt ist. Du findest hier Orte, die deine unterdrückten Ängste geschaffen haben. Das heißt, du wirst dich in dieser Welt einer Angst stellen müssen, wie du sie aus deiner früheren Welt nicht gekannt hast. Zugleich bestehen deine Träume hingegen auch als deinen tiefsten Hoffnungen und Wünsche, so dass du hier Dinge erreichen kannst, von denen du früher nur träumen konntest. Man könnte gewiss sagen, diese Welt sei intensiver, weil sie von allem mehr bietet. Folge mir nun durch den Wald, weil ich dir den Ausgang zeigen will. Allein würdest du ihn noch nicht finden. Diese Gegend ist zu schwierig für einen unvorbereiteten Geist.”

Das Auge rennt plötzlich los, ich versuche nachzukommen. Wir rennen beide in einer Geschwindigkeit, die ich wohl nie für möglich gehalten hätte. Der Wald wir immer lichter und lichter, bis wir plötzlich vor weiten, grasbewachsenen Ebenen stehen. Wohin das Auge schaut, grünen saftige Hügel und Täler. Sowie das Auge haltmacht, frage ich: “Wo sind wir hier? Warum halten wir an?”

“Du erschaust soeben die Felder der Ehre. Große Taten wurden hier vollbracht. Große Taten werden hier noch folgen. Dies ist ein Ort des Triumphs, ein Ort des heldenhaften Erfolgs. Doch Heldentum ist ein zweischneidiges Schwert.”

Ohrenbetäubender Lärm bringt den Äther zum dröhnen, als eine Boeing 707 auf einem nahegelegenen, riesigen, Flugfeld zum Rollen kommt. Je weiter sie in unsere Richtung rollt, desto weiter dehnen sich auch die Betonplatten vor ihr aus, so dass sie niemals mit ihrem Bugfahrwerk auf die Wiese rollt. Mehrere Männer die in ihrer Fahrtrichtung standen, wurden in ihre vier nun infernalisch kreischenden Triebwerke gesogen. Im Grunde müssten die Triebwerke jetzt heißlaufen und zu brennen anfangen, der Turbofan müsste ein gewaltiges Blutbad anrichten, aber es geschieht nichts dergleichen. Die Männer wurden einfach nur aufgesogen und verschwanden.

Nun dreht sich die Flugzeugnase drohend frontal zu uns. Die Maschine beschleunigt und weit und breit ist nichts in Sicht, womit ich mich schützen könnte. Der Lärm wird unerträglich, meine Beine zittern als wollten sie die Last nicht länger tragen, als hätten sie mich bereits vorzeitig aufgegeben. “Sir!”, höre ich plötzlich zu meiner Linken, drehe mich um, und erkenne einen tapfer dreinblickenden Soldaten mit einer Panzerfaust. “Sir! Nehmen Sie diese!” Ich habe noch nie eine Panzerfaust bedient, doch ich befolge seine Instruktionen und ziele direkt auf die nun sehr nahe Boeing 707. Ich treffe. Es gibt keine Explosion. Die Maschine löst sich zu einer Blaskapelle auf, die einen Militärmarsch spielt. “Sir! Wir sind alle stolz auf Sie!”, sagt der Soldat. Ich drehe mich um und sehe mehrere Heereszüge, die mir applaudieren. Das Auge zieht mich aus der Masse an einen abgeschiedenen Ort. Es wartet, bis ich mich beruhigt habe, dann spricht es: “Heldentum beinhaltet auch stets die Gefahr, die man besiegen muss. Wann immer du die Felder der Ehre betrittst, musst du eine Gefahr abwenden, um zum Helden zu werden. Meide sie. Sie sind gefährlich!”

05 Keller der Angst

Da stehe ich nun, mitten im Wald. Es ist kalt und einsam. Ich weiß nicht wo ich mich hinwenden soll und da mich das Auge verlassen hat, kann ich es nicht um Rat fragen. Da fällt mir plötzlich – wie eigenartig – eine kleine Hütte auf, die völlig deplaziert inmitten der Bäume steht. Ich gehe auf sie zu, um einmal hineinzusiehen. Vielleicht erwartet mich eine angenehme Überraschung. Hohen Mutes öffne ich die Tür und trete ein.

Prompt schließt sie sich hinter mir, was mich ob der Eigenartigkeit des Ortes zunächst weniger überrascht, doch dann sehe ich, in welch großem Kellergewölbe ich mich befinde: Von außen eine kleine Hütte, die höchstens vier Quadratmeter misst und im Inneren ein riesiges Gewölbe, das mit alten Glühbirnen erhellt wird. Sofort nehme ich die krasse Bosheit, das kranke Wesen und die wahnsinnige Wut des Ortes war. Es ist als… wie schwer es mir fällt, in Worte zu fassen, was ich jetzt fühle! Es ist als lebe dieser Ort. Als ernähre er sich von meiner Angst. Als hauche ihm jeder pochende Schlag meines entsetzten Herzens neues Leben ein. Ich weiß nicht, wie ich ihm entrinnen kann, doch ich weiß, dass es mich zerfräße, wenn ich länger verweilte.

Ich schreite das Gewölbe ab und betrete eine Zelle – ja! Zunächst sah alles wie ein riesiges Kellergewölbe aus, doch jetzt nach näherer Betrachtung wie ein unterirdisches Gefängnis. Dagegen wiederum spricht, dass es keine Türen gibt. Lediglich Türrahmen und -angeln erinnern an ihre Existenz. Der ganze Ort ist … insgesamt widerlich und verbreitet eine unermessliche Abscheulichkeit… Ich kann es selbst kaum glauben, was ich wahrnehme, kaum begreifen, was ich fühle und wage es kaum zu beschreiben, was ich fürchte. Die Angst… das ist es…. es scheint, als bestünde das ganze Gewölbe aus Angst. Die Türrahmen hat man mit roter Furcht gestrichen, sodass sie sich von den Wänden aus weiß-grauem Entsetzen abheben. Der Boden besteht aus feucht-nassem Tod, während die Luft mit Unheil geschwängert ist.

Wie mein Ekel eben den Kulminationspunkt zu erreichen droht, und sich mein Körper auf heftige Eruptionen einstellt, da spricht mich eine schwache, ältere Stimme an. Ich drehe mich nach links, von wo ich den dünnen Ton vernahm und sehe einen älteren, hämisch grinsenden Mann in einem krank-gelben Mantel mit passendem Hut. “Werter Herr, können Sie mir sagen, wo ich die Arztpraxis finde?” Entsetzt über die klaffende Diskrepanz zwischen seiner kränklichen Stimme und dem gefährlichen Grinsen eines Manischen, der einen Überraschungsangriff plant, kann ich nicht mehr als stotternd ein “Ja, sicher!” hervorbringen. Ich weiß freilich nicht, wo sich diese Praxis befindet und kann mir gewiss nicht vorstellen, dass an einem derartig kalten Ort eine heilende Kraft existiert, doch zu zweit ist man vermutlich sicherer…. . Ich gehe voraus.

“Werter Herr, wo befindet sich denn nun die Arztpraxis?” Ich blicke zurück auf den mir folgenden Mann, sehe das brandheiße Lodern in seinen Augen, die giftig roten Falten an seinen tiefen Augenhöhlen, das fahle Grau seiner Wangen, und dann erst wird mir klar, dass er es ist, der mich noch tiefer in diesen Ort lockt, dass er es ist, der mich dazu bringt, diesem Ort noch mehr Furcht zu zollen. Mir wird klar, dass er sozusagen der Sklave ist, der seinen Herrn ernährt. Doch ich wage freilich nicht, kehrt zu machen und so gehe ich weiter, komme in einen langen Gang, dessen Ende ich nicht einmal einsehen kann. Da fällt mir plötzlich ein Tisch auf, den man mitten in den Gang gelegt hat, allerdings so, dass die zerbrochene Tischplatte zu mir zeigt. Wie ich mich dem Tisch nähere, kommt eine alte, verängstigte Frau mit zerrauftem Haar und schmutzigen Klamotten hervor, die sich hinter der Tischplatte versteckt hat.

“Platz, altes Weib, der werte Herr führt mich zur Arztpraxis!”, fiebst sie der Alte an. Ich wage es nicht einmal, mich erneut umzudrehen und seine fiese Fratze ein zweites Mal zu erschauen.Ich gehe einfach weiter und hoffe, dass es ein gutes Ende mit mir nimmt. Dann packt mich die Alte von links, die mir unbemerkt nachgelaufen war kreischend am Arm und reißt mich zur Seite. Ob des Schocks, das ihr lautes Gekreisch in mir auslöste, werde ich reglos gegen die Wand geschleudert. Eben noch will ich mein Gesicht in meine freie Hand bergen, da klafft unerwartet eine Öffnung in der Wand auf, durch die ich den Wald sehen kann. Mit einem kräftigen Schwung werde ich zurück an die Waldstraße geschleudert, blicke mich um, und es war niemand mehr zu sehen.

04 Hässliche Nacht

Ich laufe die Einkaufspassage entlang, bis ich ihr entferntes Ende erreiche. Der Ausgang befindet sich links von mir, doch wie ich sehe, ist es außen bereits Nacht. Ich fühle mich nicht wohl und hässlicher Gestank weht mich an. Dennoch setze ich meinen Gang fort. Mein Geist drängt mich dazu, immerfort weiterzugehen, möglichst viel von diesem seltsamen Ort zu erkunden. Das Auge ist nicht mehr bei mir. Ich frage mich, was es zu bedeuten hat, dann höre ich plötzlich Stimmen. Viele Stimmen. Die Umgebung wird schwach durch Autoscheinwerfer beleuchtet. Ich sehe, dass ich auf einer großen Wiese gehe. Die Landschaft ist hügelig. Vereinzelt stehen Bäume – mächtige, alte Bäume. Wieder höre ich Stimmen. Links von mir? Nein! Hinter mir. Also drehe ich mich um und sehe ein paar Jugendliche in meinem Alter.

“Wo sind wir hier?”, frage ich. “Auf einer Studienfahrt.”, antwortet mir eine Frau. Sie lächelt mir zu. Ich kann mich an keine Studienfahrt erinnern, bei der ich nachts über unebene Wiesen gewandelt bin. Da erinnere ich mich mit einem Mal an die Worte des Auges: Es kann ja sehr wohl sein, dass ich niemals an einem Ort wie diesem war – vielleicht ist der Ort nur eine Art Collage aus verschiedenen Erinnerungen. Daher will ich mich nicht länger wundern und beschließe, der Gruppe zu folgen.

Wir überqueren die Wiese und kommen zu einem alten, großen Haus – wohl ein ländliches Gasthaus. Dort stehen noch weitere Jugendliche auf dem Vorplatz und erzählen oder hören Musik. Alles scheint so normal – fast so, wie in meiner früheren Welt, außer dass es finstere Nacht ist und es unangenehm riecht. Nach Essensresten, will ich meinen. Immerzu schaut einer der Jugendlichen auf seine Uhr.

“Wir müssen uns beeilen, weißt du? Wir haben nur eine halbe Stunde für unseren Rundgang.”, erklärt mir ein Mann. Ich versuche auf meine Uhr zu blicken, doch ich werde von einem anderen Mann unsanft angestoßen. “Es tut mir leid! Ich muss mich beeilen. Ich möchte ganz hinten im Bus sitzen.” Das ist also seine Entschuldigung. Er verschwindet im Dunkel der Nacht und ich bekomme Kopfschmerzen. Da ich keine Lust verspüre, länger hier stehen zu bleiben, folge ich ihm. Ich bin mir zwar noch nicht darüber im Klaren, wohin er mich genau führt, doch er scheint den Weg zum Bus zu kennen.

Die Gruppe, die mich auf der Wiese getroffen hat, macht es mir gleich. “Du hast völlig Recht, machen wir uns auf zum Bus.” Während sie mir dies sagt, klopft mir die Frau, die bereits vorhin mit mir gesprochen hat, ermunternd auf die Schulter. “Wohin fahren wir dann eigentlich?” Sie lächelte. “Na ja, wohin wohl! Zurück!”

Plötzlich verspüre ich Stress und Unbehagen. Ich fühle mich, als müsste ich einen straffen Zeitplan einhalten, der unmöglich einzuhalten war. Jemand in meiner Nähe hat sich soeben eine Zigarette angesteckt. Ich rieche den Rauch. Widerlich – doch es riecht immer noch besser als dieser hässliche Geruch diverser Essensreste.

Jetzt kann ich den Bus sehen. Es ist einer der Schulbusse, die man oft in amerikanischen Filmen sieht: Er ist hässlich gelb gestrichen mit einem schwarzen Streifen. Ich steige ein, wie alle anderen auch. Es scheint nicht für alle einen Sitzplatz zu geben. Manche müssen stehen, andere setzen sich einfach auf den Boden. Davon unbeeindruckt fährt der Fahrer los. Wir fahren durch dunklen Wald. Es riecht nicht mehr so streng, doch das Stressgefühl und die Kopfschmerzen bleiben. Ich möchte am liebsten aussteigen. Außen ist alles so dunkel. Doch auch die Fahrgastkabine ist nicht beleuchtet. Ich möchte aussteigen. Ob es draußen wohl kalt ist? Ist es kalt? Ich glaube schon. Ich möchte aussteigen.

Der Bus hält. Ich steige aus.

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