Von den Feldern der Ehre marschieren wir nun bereits eine Weile über savannenartiges Territorium. Das Gestrüpp wird immer lichter, Bäume sind bereits äußerst selten. Ich weiß nicht wohin wir gehen, doch das Auge scheint es zu wissen und ich folge ihm. Mir ist bereits seit einiger Zeit eine Leitplanke aufgefallen, der wir entlang laufen. Obwohl keine Straße, nicht einmal Reifenspuren zu sehen sind, zieht sich diese Leitplanke weithin durch die Ödnis, scheinbar ohne Sinn und ohne Zweck.
Schließlich erreichen wir eine alte, heruntergekommene Fabrikhalle. Die staubigen Fenster waren eingeschlagen. Die Mauern unverkleidet, das Haupttor aus den Angeln gehoben. Sofort gehe ich auf das Tor zu, voller Neugier, wie die Fabrikhalle wohl von innen aussieht. Das Auge begleitet mich. Im Inneren höre ich Schüsse. Ich fahre zunächst zusammen, suche mir dann aber Deckung. Unzählige Gerätschaften und alte Maschinen standen scheinbar planlos im Inneren und es war nicht schwer, Deckung zu finden. Dennoch höre ich mit großem Bestürzen, dass die Schüsse lauter werden. “Steige herunter!”, flüsterte das Auge. Ich blicke mich um, und erkenne eine Leiter, die nach unten führt. Ich klettere hinunter, sehe allerdings noch auf der Leiter zwei bewaffnete Wachen, die offenbar den Zugang zu diesem Bereich der Fabrik bewachen. Ich entsinne mich an mehrere Agentenspiele, die ich früher an meinem Computer gespielt habe, rede mir ein, dass ich mir die Kräfte der jeweiligen Akteure in dieser Welt durch bloße Vorstellung aneignen kann und springe direkt auf das Genick des ersten Mannes. Im Niedersinken drehe ich mich zu der zweiten Wache um, und schlage ihn mit einem Leopardenprankenschlag bewusstlos.
Dann folgt mir das Auge nach. “Du bist gut! Soeben hast du eine der wichtigsten Lektionen in dieser Welt gelernt: Fertigkeit durch Imagination! Imagination ist der Schlüssel. Wenn du glaubst, du könnest fliegen, kannst du es. Wenn du glaubst, du könnest jemanden bewusstlos schlagen, kannst du es. Doch der geringste Selbstzweifel wird dir die Fähigkeit wieder nehmen. Es ist nicht so, dass du eine Fähigkeit, einmal imaginiert, ständig besitzt. Du musst sie dir jedesmal neu imaginieren – Hinter dir!”
Ich drehe mich um, erkenne einen Mann, schlage ihn bewusstlos – versuche es – versuche ihn bewusstlos zu schlagen – warum funktioniert es nicht – schließlich übernimmt ihn das Auge.
“Das ist es, was ich meine. Der geringste Selbstzweifel wird dich entwaffnen. Bevor ich dir sagte, es könne schief gehen, hattest du gedacht, du könntest alles schaffen. Diese Zuversicht wirst du nie wieder haben, doch du musst lernen, den Zweifel zu ignorieren. Sicherlich stellst du dir jetzt die Frage, weshalb ich dich überhaupt gewarnt habe. Die Antwort ist denkbar einfach: Du musst jetzt bereits lernen, den Zweifel zu besiegen, bevor du einem Alb begegnest. Denn wenn du erst einmal einem Alb gegenüber stehst, kannst du dir keinen Selbstzweifel mehr leisten – Hinter dir!”
Wieder drehe ich mich um, diesmal schneller, sehe einen Mann, der mit einem Maschinengewehr auf mich zielt, trete ihm das Gewehr aus der Hand und schlage ihn anschließend bewusstlos, nachdem ich mir vorgenommen habe, derart schnell zu agieren, dass kein Zweifel in mir hoch kommen konnte. Dieser Plan scheint aufzugehen. Dann frage ich verwirrten Geistes: “Was ist ein Alb?”
“Der Ort an dem du warst… der Keller mit dem seltsamen Mann…. das war einer der Orte, an dem ein Alb wohnt. Der Mann hingegen war kein Alb. Er war nur derjenige, der dich zum Alb führen sollte. Der Alb hingegen, der dort wohnt und so unsagbar furchtbar, dass ich es dir nicht beschreiben kann. Gleich welche Worte, welche Umschreibungen, welche sonstige Stilfiguren ich verwenden würde, du könntest dir dieses Grauen doch nicht vorstellen. Fahre nun mit mir zur nächsten Fabrik, um die Küste des Krieges zu verlassen.”
Fahren? Ich blicke mich um und sehe eine Schiene, die in einem großen Bogen, in einer Kurve von fast neunzig Grad durch die Halle verlief. Unmittelbar darauf höre ich einen Zug, sehe ihn schließlich, wie er einfährt. Wir steigen ein, fahren durch einen langen Tunnel, mehrere Kurven. Dann bleibt der Zug stehen – zu meinem großen Erstaunen erneut in einer Fabrikhalle.
“Nach oben!”, befiehlt mir das Auge. Wieder sehe ich eine Leiter, klettere sie hoch, etwas nervös darüber, dass mich oben erneut bewaffnete Wachen erwarten könnten. Dort angekommen erkenne ich, dass die Halle leer ist. Nachdem das Auge ebenfalls angekommen ist, treten wir nach draußen. Ich sehe jetzt das Meer. Wir befinden uns an einer großen Sandküste. Wie seltsam. Eine Fabrikhalle mitten auf einem Sandstrand. Nicht weit entfernt erkenne ich einen Stand für Surfausrüstung.
“Die wird hier schon lange nicht mehr benutzt, seit diese Küste umkämpft wird.”
Ich beschließe in jenem Moment, mich über nichts mehr zu wundern.