Kategorie: Zweiter Teil


19 Setech

Ehe ich ihm antworten kann beginnt der Marktlatz zu erzittern. Alter Sandstein rieselt von den müden Fassaden der beschmierten Gebäude und die von der Kälte erschöpften Scheiben springen aus den Fensterrahmen. Dann taucht in einer plötzlich aufkommenden, wirbelnden Windhose eine Gestalt auf und je klarer ihre Umrisse werden, desto schwächer wird der Wirbelwind. Schließlich ist sie klar zu erkennen: Setech blickt uns grinsend an und spricht:

“Solche Orte erwachsen also aus deiner Imagination… . Wie ich feststelle, weißt du jetzt nicht mehr, wie du von hier zurückkehren kannst. Die Rückkehr von einem bestimmten Punkt dieser Welt zum anderen ist, wie ich offen zugebe, schwierig, weil sich die ganze Welt im Fluss befindet. Panta rhei. Wenn du von einem Ort zum anderen reist, ist der Ort, von welchem du aufgebrochen bist, bereits nicht mehr so, wie er war. Diese Welt ist nicht dafür gemacht, um umzukehren – sie ist darauf ausgerichtet, dass du weiterziehst. Immerzu.”

“Hör mal!”, unterbricht ihn Gregor. “Das ist alles schön und gut. Ich weiß wohl, dass er diese Welt irgendwie beeinflusst, dass er eine Art Schlüssel ist. Aus diesem Grund hat ihn Turnus, mein Anführer, verpflichtet. Aus diesem Grund wurde er gemeinsam mit mir ausgesandt, um nach Anhaltspunkten zu suchen, die auf den Ort der Stadt Latium hindeuten. Dennoch ist es jetzt zunächst einmal wichtig, Turnus und seine Männer wieder zu finden, bevor sie uns für Fahnenflüchtige halten.”

“Wie ich soeben erklären wollte, gestaltet sich eure Rückkehr äußerst schwierig.” Setech war sichtlich gereizt und funkelte Gregor mit seinen finsteren Augen bedrohlich an. “Aus eigenem Antrieb heraus werdet ihr das nicht schaffen; denn erstens habt ihr euch zuweit von eurer Ausgangsposition entfernt und zweitens seid ihr in die Falle eines Albs geraten – was angesichts der diversen Vorankündigungen äußerst dämlich ist.”

“Vorankündigungen?”, frage ich.

“Ganz recht! Dort, wo sich ein Alb aufhält, ist auch die Angst – und die spürt man. Wenn man dann nicht gleich umkehrt und stattdessen versucht, der Angst durch logische Argumente Herr zu werden, tappt man geradewegs in die Falle, die der Alb mit so viel Sorgfalt errichtet hat. Angst ist nicht etwa unbegründet oder aus Selbstzweifeln erwachsen, so wie etwa in deiner alten Welt: In dieser Welt ist Angst stets Ernst zu nehmen. Angst ist hier keine leere Vermutung; sie ist real. Und da es hier Wesen gibt, die sich von Angst ernähren, findet sich ein solches immer da, wo auch die Angst ist. Merk’ dir das besser, bevor ich dich ein zweites Mal retten muss.”

Dann umfasst er uns beiden mit seinen Armen und augenblicklich stehen wir vor Turnus im Foyer des verlassenen Hotels. Sowie wir uns zu ihm umdrehen wollen, um ihm zu danken, ist er verschwunden. Turnus hingegen steht zufrieden lächelnd vor uns, weil er weiß, dass wir etwas wissen.

18 Terror

Die finster dreinblickenden Wesen umzingeln uns und geifern vor Freude, die sie aus unserem Entsetzen gewinnen. Verunsichert blickt Gregor immer wieder abwechselnd von ihnen zu mir. Er erwartet, dass ich einen Plan habe, dass ich uns irgendwie helfen kann – doch ich weiß nicht wie! Dann geschieht das Unfassbare:

Die Wesen fallen in sich zusammen und was am Ende bleibt, sind nur noch ihre schmutzigen Kutten auf dem kalten Betonboden. Da das Tor, durch welches sie gekommen sind, immer noch offen steht und es den einzigen Ausweg aus diesem surrealen Raum darstellt, bin ich im Begriff es zu betreten. Gregor erkennt meine Absicht und versucht mich zunächst noch zurückzuhalten, sieht dann allerdings selbst, dass unsere einzige Hoffnung auf dem Tor beruht.

Kaum haben wir es betreten, schließt es sich hinter uns. Zugegeben – ich bin nicht wirklich überrascht. Ich denke mir, dass noch weitere derartige Dinge passieren werden. Je weiter wir in diesem grottenähnlichen Gang voran gehen, desto dunkler wird er. Meine Augen schmerzen mich bereits, weil ich sie im Versuch noch wenige Konturen zu erkennen überanstrenge. Dann höre ich nur noch Gregors Stimme, während ich weiterhin versuche, geradeaus zu gehen.

“Kannst du noch etwas sehen? Ich sehe nicht einmal die schwächste Kontur! Was ist, wenn vor uns plötzlich ein Schacht liegt, oder der Boden jäh abfällt?”

“Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nicht, was nun zu tun ist. Ich kenne diesen Ort genauso wenig wie du. Ich habe von meiner Zeit in dieser Welt anderes erwartet, als von einer Gefahrensituation in die nächste zu schlittern und würde alles dafür geben, aus diesem öden Szenario zu entkommen.”

Kaum haben diese Worte meinen Mund verlassen, ertönt ein lautes, unangenehmes Geräusch einer Sirene, das unsere Körper zum schwingen bringt, wie der Bass eines Konzertlautsprechers die Stahlkonstruktion einer Tribüne. Der grimmige Ton sowie die starken Vibrationen, die er hervor bringt, erhöhen unsere Panikreaktion noch weiter.

Schließlich verstummt die Sirene. Beide horchen wir auf. Schüsse sind zu hören. Sie müssen wohl vom anderen Ende des Gangs kommen. Wir setzen unseren Weg fort und stellen beide zumindest teilweise erleichtert fest, dass der Gang heller und heller wird. Nach wenigen Gehminuten erreichen wir eine Biegung, hinter der für uns endlich ein Ausgang zu erkennen ist. Dennoch wage ich es nicht, mich bereits in diesem Moment in Sicherheit zu wähnen, da das Geräusch der Schüsse zunehmend lauter wird. Wo sie auch immer herkommen: Sie können nicht von Turnus’ Männern stammen, denn soweit ich es bei meiner Entführung und auch im Bunker überblickt habe, sind sie nur mit Pfeilen und Lanzen ausgerüstet.

Kurz vor dem Ausgang des Gangs halte ich inne, weil ich mir ein möglichst genaues Bild verschaffen möchte, was mich gleich erwartet. Obwohl wir in dem verlassenen Hotel, in welchem wir nach Anhaltspunkte über die Lage der Stadt Latium suchen sollten, in diesen Gang hineingeraten sind, stehen wir nun vor, beziehungsweise in einer Kleinstadt, wie sie sich irgendwo in Osteuropa befinden könnte. Das Ende des Gangs blickt genau auf einen Marktplatz. Immer wieder fallen Schüsse, deren lauter Hall verdeutlicht, aus welch naher Position sie wohl abgefeuert werden.

Fassungslos klopft mir Gregor auf meine linke Schulter. “Verdammt! Wo sind wir hier?”

17 Hochburg des Schreckens

Gregor und ich haben beschlossen, mit dem neuen Anhaltspunkt zu Turnus zurückzukehren. Immerhin haben wir jetzt einen Namen. Doch im Begriff das Hotelzimmer zu verlassen, stellen wir erschrocken fest, dass die Zimmertür nun nicht mehr zurück in den Korridor, sondern in ein wohl unterirdisches Gewölbe führt. Sofort fühle ich mich an das unheimliche Kellergewölbe erinnert und wage es nicht weiter zu gehen. Gregor aber packt mich an meinem Arm und zieht mich hinter sich her.

“Wir finden schon einen Weg zu Turnus.”, sagte er.

Mir selbst geht es weniger darum, einen Weg zu Turnus zu finden, als vielmehr einen Weg aus diesem Gewölbe. Rechts und links von uns stehen vereinzelt Spiegel an den Kellerwänden und bisweilen stolpern wir über feuchte Vorhänge, die schmutzig auf dem nassen Betonboden liegen. Eisiger Schauer durchläuft mein Mark. Gregor hingegen geht unbeirrt seines Weges. Dann plötzlich verengen sich die Mauern vor uns in einer trägen aber stetigen Bewegung, und sowie ich mich umdrehe, erkenne ich, dass dasselbe Schauspiel auch hinter uns geschieht. Mir ist, als lebte der ganze Ort um uns.

“Wir müssen hier irgendwie herauskommen. Verdammt!” Kaum hat Gregor diese Worte gesprochen, versucht er vergebens die Wände auseinander zu drücken. Simultan öffnet sich eine Art Tor zu meiner Linken. Bläuliches Licht scheint heraus und mein Blick vermag den Lichtschein nicht zu durchdringen. Dennoch kann ich eine Vielzahl von Schritten ausmachen, die sich uns im Gleichklang nähern. Es sind aber keine festen Schritte, wie bei einer Armee, sondern schleifende, träge Schritte, die sich im Takt nach vor raffen.

“Was geschieht hier? Verdammt! Ich war jetzt schon auf so vielen Mission und noch nie zuvor hat sich derartiges zugetragen! Turnus hatte Recht. Du ziehst das an! Du bist derjenige, der uns zu dieser Stadt führen kann. Du allein!”

“Gregor, vergiss was Turnus euch gesagt hat. Ich weiß nicht, was hier geschieht. Ich weiß nur, dass wir von irgendeiner Macht bedroht werden und das macht mir Angst.”

“Dann halte es auf! Ich beschwöre dich. Bitte, halte es auf!”

“Ich kann es nicht aufhalten! Wenn ich es könnte, würde ich es sofort tun.”

Gregor glaubt mir. Dann endlich sehe ich die dreist ausschauenden Wesen in ihren zerrissenen Kutten und lumpigen Hosen. Eines der Wesen sieht mich jetzt direkt an und spricht:

“Willkommen in der Hochburg des Schreckens. Das war schon dein zweiter Fehler in dieser Welt. Verlasse dich niemals auf irgend jemanden! Du bist hier auf dich allein gestellt – auch wenn es nicht so aussieht.” Gemeines Lachen dringt nun aus dem abscheulich stinkenden Mund.

16 Latium

Eben erst sind Gregor und ich bei unserem Zug angekommen, schon verlangt man nach uns. “Turnus will euch sehen!”, heißt es immer wieder. Hat man uns also erwischt? Sind die Wege der Kommunikation in diesem riesigen Bunker etwa so kurz? Man weist uns den Weg.

Wir treffen bei Turnus ein, stellen allerdings fest, dass wir nicht allein hier sind. Außer uns sind gute vierzig bis fünfzig Soldaten im Raum. Turnus steht auf einer Art provisorischer Bühne.

“Schön, dass ihr es so schnell einrichten konntet. Das nächste Mal werde ich nicht mehr so geduldig sein! Ihr alle, die ihr hier seid, seit Frischlinge, unerfahrene Männer, die ihre Tapferkeit, ihren Mut, ihre Mannhaftigkeit unter Beweis stellen müssen. Das könnt ihr jetzt auch. In einem alten, leerstehenden Hotel werden wir nach Anhaltspunkten suchen, die uns zu der Stadt führen könnten. Unsere Feinde sollen in diesem Hotel für einige Tage gelebt haben, daher stehen unsere Chancen gut, bei genauer Untersuchung des Ortes etwas zu finden, was uns weiterhilft. Nebenan im Motorpool stehen Dingos bereit – das sind die Truppentransporter, die euch zum Zielort bringen werden.”

Mit diesen Worten schließt er seine Rede und wir werden in einen der Transporter verfrachtet. Ich sitze Gregor gegenüber und frage mich, was das Auge wohl gerade machen muss. Ist er ebenfalls auf eine Mission geschickt worden – wenn ja, unter welchem Anführer – oder erwartet ihn noch eine solche Mission?

Die Fahrt war ungewöhnlich kurz. Nachdem das Fahrzeug angehalten hat, steige ich mit meinen Kameraden aus. Diese Mission scheint für alle von außerordentlicher Wichtigkeit zu sein. Ich weiß nicht einmal, welche Stadt Turnus unbedingt finden und zerstören will und um ehrlich zu sein, kümmert es mich auch nicht besonders. Ich nehme das alles als einen von vielen Handlungssträngen in dieser Welt wahr – und Turnus selbst ist nur einer von vielen Charakteren. Während ich also einen großen emotionalen Abstand von der Sache habe, fühle ich mich, wie unter einem Haufen Menschen, die mit voller Inbrunst und Liebe Krieg spielen wollen. Ich muss unbedingt einen Weg finden, dieser Handlung zu entkommen; doch selbst das Auge scheint mir in dieser Sache nicht weiterhelfen zu können.

Keine Zeit für derartige Gedanken. Ich werde unsanft von hinten aus dem Dingo gedrängt und stelle fest, dass ich mich in einer riesigen Hotellobby befinde. Alle Dingos sind direkt hier in der Lobby geparkt. Sie sind wohl durch das riesige, in der Wand klaffende Loch in das Innere des Gebäudes gefahren.

“Männer, das ist der Zielort. Ich will alle weggeworfene Aufzeichnungen, Kleidungsstücke, Münzen – was auch immer – jeder Anhaltspunkt über die Stadt kann uns von Vorteil sein!” Jetzt schaut er gezielt mich an. “Sollte hingegen jemand von euch bereits jetzt wissen, wo sich diese Stadt befindet, können wir uns die gefährliche Suchaktion sparen. Es ist freilich davon auszugehen, dass unsere Feinde die eine oder andere Falle hinterlassen haben; daher bitte ich jetzt noch einmal eindringlich und zum letzten Mal denjenigen sein Wissen mit uns zu teilen, der weiß, wo sich die Stadt, die wir suchen, befindet.” Er hält inne und wartet auf meine Reaktion. Ich ignoriere seine abwartende Haltung bis er schließlich den Befehl zum Ausschwärmen gibt.

Gregor und ich nehmen uns die Zimmer im oberen Stockwerk vor. Im gesamten Gebäude herrscht eine unheimliche Stimmung. Die Möbel, der Boden und die Vorhänge sind von einer dicken Staubschicht bedeckt. Vieles, darunter Schreibtischlampen, Gläser und Glühbirnen, liegt zerbrochen am Boden. Wir haben Mühe nicht zu stolpern, sehen uns alles genau an, ohne zu wissen, wonach wir genau suchen. Ich erinnere mich an alles, was mir das Auge bisher über diese Welt gesagt hat, daran, dass ich die Welt im Grunde durch meine Imagination verändern oder zumindest beeinflussen kann, daran, dass mein Geist in zunehmendem Maße mit ihr verschmilzt und mächtiger wird. Vielleicht ist das der Schlüssel. Vielleicht muss ich dieses Kriegsszenario eine gewisse Zeit lang ertragen, bis mein Geist mächtig genug ist, um es zu ändern, um mich aus diesem Albtraum zu entlassen, so dass ich mich wieder anderen Orten widmen kann – schöneren Orten. Andererseits fällt mir ein, dass ich mich in dieser Welt bis jetzt an keinem einzigen, wirklich schönen Ort befunden habe. Eine einzige, kleine Aussnahme ist der Party-Keller. Eine Art Refugium, wie mir das Auge erklärte; ein Ort, an dem ich mich immer in Sicherheit bringen könne. Doch der ist jetzt unerreichbar.

“Ich habe hier vielleicht etwas gefunden.” Ich drehe mich zu Gregor und er zeigt mir ein Blatt Papier, das von irgendwoher losgerissen war. Darauf stand ‘Latium’. “Latium? Ist das die Stadt, die wir suchen?” Er zuckt mit den Schultern. “Wenn das die Stadt ist, die wir suchen, dann ist das auch die Stadt, die wir zerstören sollen.”

“Gregor, es ist unabdingbar, dass ich meinen Begleiter spreche. Wie komme ich zum vierten Zug?”

Daraufhin bedeutet mir Gregor leiser zu sprechen, steht wortlos auf und gibt mir mit einem unauffälligem Nicken zu verstehen, dass ich ihm folgen solle. Wir durchqueren den Bunker und laufen auf eine enge, eherne Wendeltreppe zu. Sowie wir die Treppe hinabgestiegen sind, eröffnet sich mir das gewaltige Ausmaß des Bunkers, der sich hauptsächlich unterirdisch erstreckt. Ungläubig blicke ich mich um. Ein breiter und langer, schier ins Unendliche reichender Gang führt von der Treppe fort. Links und rechts flankieren ihn riesige Räume, die jedoch keine Türen aufweisen, sondern durch offene Durchgänge mit dem Gang verbunden sind. In einem der Räume zu meiner Linken nehme ich speisende Soldaten war und folgere, dass es sich hierbei wohl um die Kantine handelt. In einem anderen Raum stehen, wie in dem Bunker oben, Pritschen: Es ist wohl einer von unzähligen Ruheräumen. Wie viel Soldaten hier wohl leben?

Gregor geht voran. Ich folge ihm. Wir passieren so viele Räume, dass ich nach einiger Zeit zu erschöpft bin, in alle hineinzusehen. Mein Nacken schmerzt von den vielen Drehbewegungen meines Kopfes und mein Geist rast nur so dahin. Ich muss das Auge sprechen. Er muss mir einen Weg nach draußen zeigen. Wenn ich schon in meiner eigenen Traumwelt leben muss, dann will ich nicht in einer Kaserne gefangen sein, die so riesig ist, dass ich mir selbst wie ein Wurm vorkomme. Und wie wird mich wohl Turnus bestrafen, wenn er erfährt, dass ich das Auge kontaktiert habe? Wie wird er Gregor bestrafen? Nein! Er darf es nicht erfahren. Doch wie soll ich das verhindern? Jeder kann uns sehen. Außer Gregor kenne ich hier niemanden.

Dann endlich bleibt Gregor stehen. Wir haben das Ende des unglaublich langen Gangs erreicht. Jetzt kann man nur noch nach rechts abbiegen oder umkehren.

“Gehe diese Abzweigung entlang. Im sechsten Raum rechts werden die Neuen untergebracht.”

Ich befolge seine Anweisung und erkenne frohen Mutes das Auge. Er hat sich mittlerweile in Militäruniform umgezogen. Erstaunt blicke ich an mir hinab und auch ich war in Uniform – obwohl ich mich nicht erinnern kann, mich jemals umgezogen zu haben. Sicheren Schrittes gehe ich dem Auge entgegen. Auch er hat sich mittlerweile erhoben, um mich auf halben Wege zu treffen.Traurig streckt er mir seine Hand entgegen.

“Du fragst dich sicher, wieso es Turnus möglich ist, dich hier gefangen zu halten. Allmählich denkst du über all das hier nach, und beginnst dich zu fragen, wieso du, auf dessen Imagination diese Welt basiert, nicht auch ihr Oberhaupt bist; wieso du, in deiner eigenen Welt nur einer von vielen bist, und dich ihren Gesetzen ebenso fügen musst, wie du dich den Gesetzen in deiner alten Welt fügen musstest.”

“Ja!”, antworte ich. “Ja, wieso muss ich das? Wieso kann mich eine Imagination gefangen halten?”

“Das alles ist viel komplizierter als du es dir im Moment vorstellen kannst. Kann sich ein Sklave, der als Sklave geboren wurde und in seinem ganzen Leben nichts weiter als ein Sklave war, vorstellen, wie es ist, König zu sein?”

“Wohl nicht.”

“Du warst dein ganzes Leben lang deiner früheren Welt und ihren Gesetzen unterworfen. Und jetzt muss dein Geist erst lernen, über seine eigenen Grenzen hinweg zu denken.”

Gregor, der inzwischen nachgekommen ist, räusperte sich. Ich drehe mich zu ihm um, da ich wohl weiß, dass wir gehen müssen. Wir dürfen auf keinen Fall erwischt werden. “Es ist Zeit.”, sagt er. Dann gehen wir zurück. Lautlos. Unauffällig. Wir versuchen unsichtbar zu sein. Jetzt bin ich ebenso gefangen wie Gregor.

“Wer hier ist, der muss hier bleiben.”, sagt er.

14 Der dritte Zug

Mit fester Stimme spricht uns Turnus an: “Ich weiß wohl, wer ihr seid! Du bist derjenige, der diese Welt erschaffen hat, in der wir leben.” Er deutet dabei auf mich. “Und du scheinst sein Begleiter zu sein, der ihn über sein Umfeld aufklärt. Ich bin kein Freund von langen Reden. Von der Furie Allecto angetrieben, suche ich eine Stadt, die ich zerstören muss. Das ist meine Bestimmung, der ich folge. Da die Welt auf deinen Imaginationen basiert, kannst nur du wissen, wo sich diese Stadt befindet – und du wirst mich und meine siegreichen Männer dorthin führen!” Ehe ich etwas sagen kann, fügt er hinzu: “Weil du jetzt ein Teil meiner Armee bist – genauer: Von nun an gehörst du dem dritten Zug an.” Ich blicke hinüber zum Auge, bevor Turnus fortsetzt: “Er nicht. Er wird Teil des vierten Zuges. Ich will, dass ihr euch möglichst zügig in meine Armee integriert.”

Dann brechen die Worte schließlich aus dem Auge heraus: “Turnus, du bist wahnsinnig, betrittst die Fußstapfen der Allecto, opferst ihr als Weihgeschenk deinen Verstand und nimmst bei der Initiation in ihren kranken Zirkel Hass und Raserei in dein Herz. Die einzige Eigenschaft die dich und deine Männer auszeichnet ist nicht Tapferkeit oder Heldenmut, sondern Bosheit. Ihr seid keine heldenhaften Männer. Ihr seid Getriebene. Soldaten des Bösen. Abschaum.”

Turnus klatscht lachend in seine Hände und gibt seinen Wächtern den Befehl uns zu unserem jeweiligen Zug zu bringen.

Ich werde zunächst ins Freie geführt, durch eine Umgebung, die mich eher an einen Grillplatz als an einen Militärplatz erinnert, bis ich schließlich vor einem Bunker stehe. Einer der Wachmänner öffnet ihn und winkt mich hinein. Dann wird der Raum verschlossen. Einige Soldaten blicken mich an, andere unterhalten sich oder sind damit beschäftigt, ihre Lanzen zu fetten. In der Tat ist auch dieser Ort wieder eine Mischung aus so vielen Elementen meiner früheren Welt. Die Soldaten tragen zwar alle diese schwärzliche Camouflage, die auch ihr Anführer Turnus trägt, doch sie führen keine modernen Schusswaffen mit sich, sondern Lanzen und Rundschilder, die bereits die Römer trugen.

Dann plötzlich steht einer der Soldaten mit kräftigem Körperbau auf und streckt mir seine Hand entgegen. “Ich bin Gregor! Willkommen im dritten Zug.” Ich nehme seine Hand entgegen. Dann kommen wir ins Gespräch. Allmählich kommen wir auf die fünfziger Jahre zu sprechen und Gregor erzählt mir, dass er sich für den Kult um James Dean interessiert. Sofort frage ich ihn, ob er wisse, dass Dean ob eines Sturzes in der Scheune seiner Eltern bereits in jungen Jahren eine Zahnproteste trug. Ungläublig verneint er. Dann erzähle ich ihm, dass Dean bereits sehr früh seine Mutter verlor, infolge dessen zu seiner Tante und zu seiner Onkel zog und auch zu ihnen ‘Mutter’ und ‘Vater’ gesagt sowie deren Sohn, der einige Zeit später zur Welt kam, geliebt hatte, wie seinen eigenen Bruder.

“Hey wie ich sehe, weißt du ziemlich viel über Dean. Ich find dich cool! Wenn der Feind naht, lass uns gemeinsam angreifen! Live fast, die young!” Mit diesen Worten klopft er mir kräftig auf meine Schulter.

Stammt dieser Satz tatsächlich von James Dean?

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