Ehe ich ihm antworten kann beginnt der Marktlatz zu erzittern. Alter Sandstein rieselt von den müden Fassaden der beschmierten Gebäude und die von der Kälte erschöpften Scheiben springen aus den Fensterrahmen. Dann taucht in einer plötzlich aufkommenden, wirbelnden Windhose eine Gestalt auf und je klarer ihre Umrisse werden, desto schwächer wird der Wirbelwind. Schließlich ist sie klar zu erkennen: Setech blickt uns grinsend an und spricht:
“Solche Orte erwachsen also aus deiner Imagination… . Wie ich feststelle, weißt du jetzt nicht mehr, wie du von hier zurückkehren kannst. Die Rückkehr von einem bestimmten Punkt dieser Welt zum anderen ist, wie ich offen zugebe, schwierig, weil sich die ganze Welt im Fluss befindet. Panta rhei. Wenn du von einem Ort zum anderen reist, ist der Ort, von welchem du aufgebrochen bist, bereits nicht mehr so, wie er war. Diese Welt ist nicht dafür gemacht, um umzukehren – sie ist darauf ausgerichtet, dass du weiterziehst. Immerzu.”
“Hör mal!”, unterbricht ihn Gregor. “Das ist alles schön und gut. Ich weiß wohl, dass er diese Welt irgendwie beeinflusst, dass er eine Art Schlüssel ist. Aus diesem Grund hat ihn Turnus, mein Anführer, verpflichtet. Aus diesem Grund wurde er gemeinsam mit mir ausgesandt, um nach Anhaltspunkten zu suchen, die auf den Ort der Stadt Latium hindeuten. Dennoch ist es jetzt zunächst einmal wichtig, Turnus und seine Männer wieder zu finden, bevor sie uns für Fahnenflüchtige halten.”
“Wie ich soeben erklären wollte, gestaltet sich eure Rückkehr äußerst schwierig.” Setech war sichtlich gereizt und funkelte Gregor mit seinen finsteren Augen bedrohlich an. “Aus eigenem Antrieb heraus werdet ihr das nicht schaffen; denn erstens habt ihr euch zuweit von eurer Ausgangsposition entfernt und zweitens seid ihr in die Falle eines Albs geraten – was angesichts der diversen Vorankündigungen äußerst dämlich ist.”
“Vorankündigungen?”, frage ich.
“Ganz recht! Dort, wo sich ein Alb aufhält, ist auch die Angst – und die spürt man. Wenn man dann nicht gleich umkehrt und stattdessen versucht, der Angst durch logische Argumente Herr zu werden, tappt man geradewegs in die Falle, die der Alb mit so viel Sorgfalt errichtet hat. Angst ist nicht etwa unbegründet oder aus Selbstzweifeln erwachsen, so wie etwa in deiner alten Welt: In dieser Welt ist Angst stets Ernst zu nehmen. Angst ist hier keine leere Vermutung; sie ist real. Und da es hier Wesen gibt, die sich von Angst ernähren, findet sich ein solches immer da, wo auch die Angst ist. Merk’ dir das besser, bevor ich dich ein zweites Mal retten muss.”
Dann umfasst er uns beiden mit seinen Armen und augenblicklich stehen wir vor Turnus im Foyer des verlassenen Hotels. Sowie wir uns zu ihm umdrehen wollen, um ihm zu danken, ist er verschwunden. Turnus hingegen steht zufrieden lächelnd vor uns, weil er weiß, dass wir etwas wissen.
