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09 Metropolis

In der Großstadt angekommen, steigen wir aus dem Wagen. Ich verlasse das Auge, weil ich plötzlich jemanden suchen möchte. Urplötzlich erinnere ich mich daran, mich mit Marc, einer meiner Freunde, verabredet zu haben. Ein Gruppe von Leuten kommt mir in der menschenleeren Straße entgegen und obwohl sie mir auf den ersten Moment völlig fremd erschienen sind, kenne ich sie plötzlich. Auch sie sind mit Marc befreundet und wir beschließen, ihn in der öden und stillen Stadt zu suchen.

Die Stadt ist in keiner Weise mit einer Stadt in meiner früheren Welt zu vergleichen. Riesige, hässliche Hochhäuser scheinen um ein kleines Stück wolkenverhangenen Himmels zu kämpfen und überall ist der graue Beton mit halb verwitterten Plakaten übersät, aus denen der Regen schon lange die Farbe ausgewaschen hat. Die meisten der Hochhäuser stehen leer. Nur wenige werden zu einem geringen Teil genutzt. Wieso das so ist, weiß ich nicht.

Ich folge also der Gruppe, da wir zunächst einmal jenen Nachtclub besuchen wollen, den Marc am liebsten besuchte. Es ist im Grunde eher ein Pub als ein Club. Marc besuchte ihn besonders gerne, wenn Quiz-Tag ist. All diese “Erinnerungen” kommen mir plötzlich vor mein geistiges Auge, obwohl ich nicht einmal sicher bin, ob es tatsächlich Erinnerungen sind, oder ob der Ort mit mir Spiel, so wie es die Vorstadt tat.

Dann dreht sich einer der Männer um und ruft mir zu: “Schau du doch bitte mal in diesem Hochhaus nach; dort wurde er zuletzt gesehen. Wir suchen ihn im Club!”

Ich mache also kehrt und betrete das unverschlossene Hochhaus. Im Inneren angekommen werde ich auf wundersamer Weise in den obersten Stock gesogen. Ich befinde mich in einem sehr engen Raum, der mich auf unheilvoller Weise an ein Krankenhaus erinnert. Vor mir steht ein blutbefleckter Rollstuhl. Gegenüber befindet sich ein Aufzug und rechts von mir eine kleine Tür. Das muss wohl das Treppenhaus sein, schätze ich. Ich sehe nach. Bitter werde ich enttäuscht. Es ist ein Abstellraum, in welchem ebenso blutbefleckte, weiße Kittel hängen, ein Besen und eine mit Urinstein übersäte Toilette steht.

Schnell wird mir klar, dass  der Fahrstuhl den einzigen Weg zurück darstellt und folglich betrete ich ihn. Zu meinem großen Erstaunen gibt es jedoch nur zwei Schalter: Einen, um die Tür aufzuhalten, der zweite, um in das Erdgeschoss zu fahren. Ich frage mich jetzt natürlich, ob das gewaltig ausschauende Hochhaus im Inneren hohl ist und lediglich dieses kleine oberste Stockwerk sowie das Erdgeschoss als bewohnbare Ebenen aufweist, drücke dann aber den Knopf, der mich in das Erdgeschoss fahren soll. Marc finde ich hier ohnehin nicht. Die Aufzugstür schließt sich. Dann beginnt der Albtraum.

Der Fahrstuhl ruckelt zunächst ein wenig, dann wird das Ruckeln zunehmend stärker, bis es derart heftig wird, dass ich mich nicht länger auf den Beinen halten kann. Die Aufzugseile beginnen zu reißen. Ein lauter Knall und ich falle. Jetzt passiert das Unmögliche. Der Aufzug dreht sich horizontal um volle dreihundertsechzig Grad, ich werde mit voller Wucht gegen die Aufzugwände gestoßen und dann, sowie der Schrecken den Apex des Wahnsinns erreicht hat, bleibt er mit einem weiteren lauten Knall aufrecht stehen und die Aufzugtür wird ob des immensen Schlags aufgesprengt. Wie durch ein Wunder ist mir nichts passiert, doch ich bin schweißgebadet. Nachdem ich den Aufzug und schließlich das Foyer des Hauses verlassen habe, trete ich in die kühle Nachtluft. Es regnet. Dann sehe ich ihn: Marc.

08 Weil sie einsam sind…

Wir haben die umkämpfte Küste an der tosenden Mündung eines gewaltigen Flusses verlassen und folgen seither einem schmalen geteerten Weg, der uns durch hohes Gras am Flussufer entlang führt. Nichts ist zu hören, außer unsere eigenen Schritte. Weiter und weiter entfernen wir uns vom Meer und nähern uns – schon aus der Ferne ist sie immens anzusehen – einer riesigen Fabrik. “Versuche niemals”, warnte das Auge,  “fliehend das Fabrikgelände zu betreten. Du wirst keinen Zugang finden. Es führt hier keine Brücke über den Fluss und es sind schon viele Gedanken in seinen Wassern gestorben.”

Ich drehe mich zu meinem Begleiter um und erwidere: “Wir sind schon einige Zeit unterwegs. Nichts und niemand hat unseren Weg gekreuzt. Vor wem könnte ich hier fliehen wollen?” Er deutet gerade aus und mein Blick konzentriert sich auf das Ferne. Dann endlich sehe ich vage Umrisse von hohen Gebäuden. Wie hoch sie sind, kann ich von hier aus nicht bestimmen, es muss sich freilich um große Gebäude einer noch größeren Stadt handeln.

“Gehen wir also in eine Stadt?” Er schüttelt den Kopf. “Wir gehen in eine Vorstadt. Ein lieblicher Ort, doch auch er hat Gefahrenpotential, das du erkennen musst.”

Endlich sind wir angekommen. Unser kleiner Weg mündet in eine Vorstadtstraße. Ein Bewohner wird auf mich aufmerksam und bittet mich seine Katze zu suchen. Er beschreibt sie mir – es handelt sich um eine weiße Katze – dann berichtet er mir, dass sie noch in der Nähe sein muss. Sie sei die Straße hinunter gelaufen. Also setze ich meinen Weg fort, um sie zu suchen. Das Auge ist verschwunden. Allein also laufe ich die Straße entlang und halte Ausschau nach einer weißen Katze. Am Ende der Straße angekommen – ich stehe vor einer T-Kreuzung – entscheide ich mich, nach links zu biegen. An der Ecke steht eine Litfaßsäule. Sie ist nackt, ohne jedes Poster. In dieser Straße stehen vereinzelnd Autos. Die Sonne geht unter. Die Straße wird von schwach leuchtenden Laternen erhellt. Vereinzelt stehen Bäume. Es wirkt alles so ruhig, so ungefährlich. Ich kann mir nicht vorstellen, was das Auge mit seiner Warnung gemeint hat und wünsche mir nichts sehnlicher, möglichst keinem Alb zu begegnen.

Nun stehe ich an einer weiteren Kreuzung, bleibe stehen, als mich ein junger Mann anspricht. “Hilfst du mir bitte mit dem Wagen? Er springt nicht an!” Nicht lange überlegend stimme ich zu und frage, wie ich helfen könne. Im selben Moment springt der Wagen an, ein älterer Anwohner verlässt schreiend sein Haus, der Mann ergreift die Flucht. Der Wagen hat anscheinend eine Lichtautomatik, da sich mit dem Motor auch das Ablendlicht einschaltete. Aus Furcht vor dem Mann will ich in das Auto steigen, um ebenfalls die Flucht zu ergreifen, da erst bemerke ich, dass es kurzgeschlossen war. Ich habe meine Hilfe wohl einem Autodieb angeboten. Der Anwohner kam mir zunehmend nahe, ich erinnere mich, dass es nur eine Traumwelt ist, in der ich mich befinde, steige in den Wagen und fahre davon. Ich kenne mich in dieser Stadt nicht aus, daher biege ich willkürlich bald nach links, bald nach rechts. Ich komme auf eine breitere Straße, sehe wieder eine Litfaßsäule, einen geschlossenen Laden auf der anderen Seite und einen großen Parkplatz. Ich parke den Wagen dort, springe heraus und laufe in die entgegen gesetzte Richtung.

Zwei Frauen kommen auf mich zu und bitten mich, ihnen zu sagen, wie sie zum Stadtpark kämen. Ich weiß plötzlich, wo er sich befindet, ohne dass es mir jemand gesagt hat und so kann ich ihnen den Weg erklären. Sie bitten mich mitzukommen, da es so eine schöne Nacht sei (Die Sonne war inzwischen untergangen). Dann aber packt mich das Auge am Arm und hält mich ab, mit ihnen zu gehen. “Es tut mir Leid, wir haben bereits etwas anderes vor.” Ohne dass mir Zeit zum Protest bleibt, sitzen wir beide in einem Wagen – ich auf dem Beifahrersitz, das Auge am Steuer – und fahren fort.

“Man versucht dich hier möglichst lange durch vielerlei Beschäftigungen festzuhalten. Das ist die Charaktereigenschaft dieses Ortes.” Verwundet erkundige ich mich nach dem Grund. “Weil die Traumbilder hier einsam sind. An sie wird nicht oft gedacht.”

07 Küste des Krieges

Von den Feldern der Ehre marschieren wir nun bereits eine Weile über savannenartiges Territorium. Das Gestrüpp wird immer lichter, Bäume sind bereits äußerst selten. Ich weiß nicht wohin wir gehen, doch das Auge scheint es zu wissen und ich folge ihm. Mir ist bereits seit einiger Zeit eine Leitplanke aufgefallen, der wir entlang laufen. Obwohl keine Straße, nicht einmal Reifenspuren zu sehen sind, zieht sich diese Leitplanke weithin durch die Ödnis, scheinbar ohne Sinn und ohne Zweck.

Schließlich erreichen wir eine alte, heruntergekommene Fabrikhalle. Die staubigen Fenster waren eingeschlagen. Die Mauern unverkleidet, das Haupttor aus den Angeln gehoben. Sofort gehe ich auf das Tor zu, voller Neugier, wie die Fabrikhalle wohl von innen aussieht. Das Auge begleitet mich. Im Inneren höre ich Schüsse. Ich fahre zunächst zusammen, suche mir dann aber Deckung. Unzählige Gerätschaften und alte Maschinen standen scheinbar planlos im Inneren und es war nicht schwer, Deckung zu finden. Dennoch höre ich mit großem Bestürzen, dass die Schüsse lauter werden. “Steige herunter!”, flüsterte das Auge. Ich blicke mich um, und erkenne eine Leiter, die nach unten führt. Ich klettere hinunter, sehe allerdings noch auf der Leiter zwei bewaffnete Wachen, die offenbar den Zugang zu diesem Bereich der Fabrik bewachen. Ich entsinne mich an mehrere Agentenspiele, die ich früher an meinem Computer gespielt habe, rede mir ein, dass ich mir die Kräfte der jeweiligen Akteure in dieser Welt durch bloße Vorstellung aneignen kann und springe direkt auf das Genick des ersten Mannes. Im Niedersinken drehe ich mich zu der zweiten Wache um, und schlage ihn mit einem Leopardenprankenschlag bewusstlos.

Dann folgt mir das Auge nach. “Du bist gut! Soeben hast du eine der wichtigsten Lektionen in dieser Welt gelernt: Fertigkeit durch Imagination! Imagination ist der Schlüssel. Wenn du glaubst, du könnest fliegen, kannst du es. Wenn du glaubst, du könnest jemanden bewusstlos schlagen, kannst du es. Doch der geringste Selbstzweifel wird dir die Fähigkeit wieder nehmen. Es ist nicht so, dass du eine Fähigkeit, einmal imaginiert, ständig besitzt. Du musst sie dir jedesmal neu imaginieren – Hinter dir!”

Ich drehe mich um, erkenne einen Mann, schlage ihn bewusstlos – versuche es – versuche ihn bewusstlos zu schlagen – warum funktioniert es nicht – schließlich übernimmt ihn das Auge.

“Das ist es, was ich meine. Der geringste Selbstzweifel wird dich entwaffnen. Bevor ich dir sagte, es könne schief gehen, hattest du gedacht, du könntest alles schaffen. Diese Zuversicht wirst du nie wieder haben, doch du musst lernen, den Zweifel zu ignorieren. Sicherlich stellst du dir jetzt die Frage, weshalb ich dich überhaupt gewarnt habe. Die Antwort ist denkbar einfach: Du musst jetzt bereits lernen, den Zweifel zu besiegen, bevor du einem Alb begegnest. Denn wenn du erst einmal einem Alb gegenüber stehst, kannst du dir keinen Selbstzweifel mehr leisten – Hinter dir!”

Wieder drehe ich mich um, diesmal schneller, sehe einen Mann, der mit einem Maschinengewehr auf mich zielt, trete ihm das Gewehr aus der Hand und schlage ihn anschließend bewusstlos, nachdem ich mir vorgenommen habe, derart schnell zu agieren, dass kein Zweifel in mir hoch kommen konnte. Dieser Plan scheint aufzugehen. Dann frage ich verwirrten Geistes: “Was ist ein Alb?”

“Der Ort an dem du warst… der Keller mit dem seltsamen Mann…. das war einer der Orte, an dem ein Alb wohnt. Der Mann hingegen war kein Alb. Er war nur derjenige, der dich zum Alb führen sollte. Der Alb hingegen, der dort wohnt und so unsagbar furchtbar, dass ich es dir nicht beschreiben kann. Gleich welche Worte, welche Umschreibungen, welche sonstige Stilfiguren ich verwenden würde, du könntest dir dieses Grauen doch nicht vorstellen. Fahre nun mit mir zur nächsten Fabrik, um die Küste des Krieges zu verlassen.”

Fahren? Ich blicke mich um und sehe eine Schiene, die in einem großen Bogen, in einer Kurve von fast neunzig Grad durch die Halle verlief. Unmittelbar darauf höre ich einen Zug, sehe ihn schließlich, wie er einfährt. Wir steigen ein, fahren durch einen langen Tunnel, mehrere Kurven. Dann bleibt der Zug stehen – zu meinem großen Erstaunen erneut in einer Fabrikhalle.

“Nach oben!”, befiehlt mir das Auge. Wieder sehe ich eine Leiter, klettere sie hoch, etwas nervös darüber, dass mich oben erneut bewaffnete Wachen erwarten könnten. Dort angekommen erkenne ich, dass die Halle leer ist. Nachdem das Auge ebenfalls angekommen ist, treten wir nach draußen. Ich sehe jetzt das Meer. Wir befinden uns an einer großen Sandküste. Wie seltsam. Eine Fabrikhalle mitten auf einem Sandstrand. Nicht weit entfernt erkenne ich einen Stand für Surfausrüstung.

“Die wird hier schon lange nicht mehr benutzt, seit diese Küste umkämpft wird.”

Ich beschließe in jenem Moment, mich über nichts mehr zu wundern.

06 Felder der Ehre

Ich laufe die Straße, die quer durch den dunklen Wald zu führen scheint, entlang. Das Grauen steckt mir noch im Gebein und mein Herz pocht noch immer übermütig gegen meine Brust. Doch vom einen auf den anderen Moment fühle ich mich unversehens besser, die Furcht wird aus meinen Knochen gesogen, mein wütendes Herz beschwichtigt. Da erkenne ich das Auge rechts von mir, wie es mitten auf der Straße läuft, so, als könne ihm nichts passieren. Sofort klage ich ihm, was mir wiederfahren war. Das Auge hört meine Worte, dann antwortet es solches:

“Du musst lernen, dich dieser Welt allein zu stellen. Den Ort, in welchen ich dich gehen ließ, ist nur ein kleiner Nexus des Schreckens. Es gibt größere, viel größere. Das ist es, was diese Welt ausmacht. Dies sind Träume! Zunächst einmal erscheint dir hier vieles schauderlich, weil alles so ungewohnt ist. Du findest hier Orte, die deine unterdrückten Ängste geschaffen haben. Das heißt, du wirst dich in dieser Welt einer Angst stellen müssen, wie du sie aus deiner früheren Welt nicht gekannt hast. Zugleich bestehen deine Träume hingegen auch als deinen tiefsten Hoffnungen und Wünsche, so dass du hier Dinge erreichen kannst, von denen du früher nur träumen konntest. Man könnte gewiss sagen, diese Welt sei intensiver, weil sie von allem mehr bietet. Folge mir nun durch den Wald, weil ich dir den Ausgang zeigen will. Allein würdest du ihn noch nicht finden. Diese Gegend ist zu schwierig für einen unvorbereiteten Geist.”

Das Auge rennt plötzlich los, ich versuche nachzukommen. Wir rennen beide in einer Geschwindigkeit, die ich wohl nie für möglich gehalten hätte. Der Wald wir immer lichter und lichter, bis wir plötzlich vor weiten, grasbewachsenen Ebenen stehen. Wohin das Auge schaut, grünen saftige Hügel und Täler. Sowie das Auge haltmacht, frage ich: “Wo sind wir hier? Warum halten wir an?”

“Du erschaust soeben die Felder der Ehre. Große Taten wurden hier vollbracht. Große Taten werden hier noch folgen. Dies ist ein Ort des Triumphs, ein Ort des heldenhaften Erfolgs. Doch Heldentum ist ein zweischneidiges Schwert.”

Ohrenbetäubender Lärm bringt den Äther zum dröhnen, als eine Boeing 707 auf einem nahegelegenen, riesigen, Flugfeld zum Rollen kommt. Je weiter sie in unsere Richtung rollt, desto weiter dehnen sich auch die Betonplatten vor ihr aus, so dass sie niemals mit ihrem Bugfahrwerk auf die Wiese rollt. Mehrere Männer die in ihrer Fahrtrichtung standen, wurden in ihre vier nun infernalisch kreischenden Triebwerke gesogen. Im Grunde müssten die Triebwerke jetzt heißlaufen und zu brennen anfangen, der Turbofan müsste ein gewaltiges Blutbad anrichten, aber es geschieht nichts dergleichen. Die Männer wurden einfach nur aufgesogen und verschwanden.

Nun dreht sich die Flugzeugnase drohend frontal zu uns. Die Maschine beschleunigt und weit und breit ist nichts in Sicht, womit ich mich schützen könnte. Der Lärm wird unerträglich, meine Beine zittern als wollten sie die Last nicht länger tragen, als hätten sie mich bereits vorzeitig aufgegeben. “Sir!”, höre ich plötzlich zu meiner Linken, drehe mich um, und erkenne einen tapfer dreinblickenden Soldaten mit einer Panzerfaust. “Sir! Nehmen Sie diese!” Ich habe noch nie eine Panzerfaust bedient, doch ich befolge seine Instruktionen und ziele direkt auf die nun sehr nahe Boeing 707. Ich treffe. Es gibt keine Explosion. Die Maschine löst sich zu einer Blaskapelle auf, die einen Militärmarsch spielt. “Sir! Wir sind alle stolz auf Sie!”, sagt der Soldat. Ich drehe mich um und sehe mehrere Heereszüge, die mir applaudieren. Das Auge zieht mich aus der Masse an einen abgeschiedenen Ort. Es wartet, bis ich mich beruhigt habe, dann spricht es: “Heldentum beinhaltet auch stets die Gefahr, die man besiegen muss. Wann immer du die Felder der Ehre betrittst, musst du eine Gefahr abwenden, um zum Helden zu werden. Meide sie. Sie sind gefährlich!”

05 Keller der Angst

Da stehe ich nun, mitten im Wald. Es ist kalt und einsam. Ich weiß nicht wo ich mich hinwenden soll und da mich das Auge verlassen hat, kann ich es nicht um Rat fragen. Da fällt mir plötzlich – wie eigenartig – eine kleine Hütte auf, die völlig deplaziert inmitten der Bäume steht. Ich gehe auf sie zu, um einmal hineinzusiehen. Vielleicht erwartet mich eine angenehme Überraschung. Hohen Mutes öffne ich die Tür und trete ein.

Prompt schließt sie sich hinter mir, was mich ob der Eigenartigkeit des Ortes zunächst weniger überrascht, doch dann sehe ich, in welch großem Kellergewölbe ich mich befinde: Von außen eine kleine Hütte, die höchstens vier Quadratmeter misst und im Inneren ein riesiges Gewölbe, das mit alten Glühbirnen erhellt wird. Sofort nehme ich die krasse Bosheit, das kranke Wesen und die wahnsinnige Wut des Ortes war. Es ist als… wie schwer es mir fällt, in Worte zu fassen, was ich jetzt fühle! Es ist als lebe dieser Ort. Als ernähre er sich von meiner Angst. Als hauche ihm jeder pochende Schlag meines entsetzten Herzens neues Leben ein. Ich weiß nicht, wie ich ihm entrinnen kann, doch ich weiß, dass es mich zerfräße, wenn ich länger verweilte.

Ich schreite das Gewölbe ab und betrete eine Zelle – ja! Zunächst sah alles wie ein riesiges Kellergewölbe aus, doch jetzt nach näherer Betrachtung wie ein unterirdisches Gefängnis. Dagegen wiederum spricht, dass es keine Türen gibt. Lediglich Türrahmen und -angeln erinnern an ihre Existenz. Der ganze Ort ist … insgesamt widerlich und verbreitet eine unermessliche Abscheulichkeit… Ich kann es selbst kaum glauben, was ich wahrnehme, kaum begreifen, was ich fühle und wage es kaum zu beschreiben, was ich fürchte. Die Angst… das ist es…. es scheint, als bestünde das ganze Gewölbe aus Angst. Die Türrahmen hat man mit roter Furcht gestrichen, sodass sie sich von den Wänden aus weiß-grauem Entsetzen abheben. Der Boden besteht aus feucht-nassem Tod, während die Luft mit Unheil geschwängert ist.

Wie mein Ekel eben den Kulminationspunkt zu erreichen droht, und sich mein Körper auf heftige Eruptionen einstellt, da spricht mich eine schwache, ältere Stimme an. Ich drehe mich nach links, von wo ich den dünnen Ton vernahm und sehe einen älteren, hämisch grinsenden Mann in einem krank-gelben Mantel mit passendem Hut. “Werter Herr, können Sie mir sagen, wo ich die Arztpraxis finde?” Entsetzt über die klaffende Diskrepanz zwischen seiner kränklichen Stimme und dem gefährlichen Grinsen eines Manischen, der einen Überraschungsangriff plant, kann ich nicht mehr als stotternd ein “Ja, sicher!” hervorbringen. Ich weiß freilich nicht, wo sich diese Praxis befindet und kann mir gewiss nicht vorstellen, dass an einem derartig kalten Ort eine heilende Kraft existiert, doch zu zweit ist man vermutlich sicherer…. . Ich gehe voraus.

“Werter Herr, wo befindet sich denn nun die Arztpraxis?” Ich blicke zurück auf den mir folgenden Mann, sehe das brandheiße Lodern in seinen Augen, die giftig roten Falten an seinen tiefen Augenhöhlen, das fahle Grau seiner Wangen, und dann erst wird mir klar, dass er es ist, der mich noch tiefer in diesen Ort lockt, dass er es ist, der mich dazu bringt, diesem Ort noch mehr Furcht zu zollen. Mir wird klar, dass er sozusagen der Sklave ist, der seinen Herrn ernährt. Doch ich wage freilich nicht, kehrt zu machen und so gehe ich weiter, komme in einen langen Gang, dessen Ende ich nicht einmal einsehen kann. Da fällt mir plötzlich ein Tisch auf, den man mitten in den Gang gelegt hat, allerdings so, dass die zerbrochene Tischplatte zu mir zeigt. Wie ich mich dem Tisch nähere, kommt eine alte, verängstigte Frau mit zerrauftem Haar und schmutzigen Klamotten hervor, die sich hinter der Tischplatte versteckt hat.

“Platz, altes Weib, der werte Herr führt mich zur Arztpraxis!”, fiebst sie der Alte an. Ich wage es nicht einmal, mich erneut umzudrehen und seine fiese Fratze ein zweites Mal zu erschauen.Ich gehe einfach weiter und hoffe, dass es ein gutes Ende mit mir nimmt. Dann packt mich die Alte von links, die mir unbemerkt nachgelaufen war kreischend am Arm und reißt mich zur Seite. Ob des Schocks, das ihr lautes Gekreisch in mir auslöste, werde ich reglos gegen die Wand geschleudert. Eben noch will ich mein Gesicht in meine freie Hand bergen, da klafft unerwartet eine Öffnung in der Wand auf, durch die ich den Wald sehen kann. Mit einem kräftigen Schwung werde ich zurück an die Waldstraße geschleudert, blicke mich um, und es war niemand mehr zu sehen.

04 Hässliche Nacht

Ich laufe die Einkaufspassage entlang, bis ich ihr entferntes Ende erreiche. Der Ausgang befindet sich links von mir, doch wie ich sehe, ist es außen bereits Nacht. Ich fühle mich nicht wohl und hässlicher Gestank weht mich an. Dennoch setze ich meinen Gang fort. Mein Geist drängt mich dazu, immerfort weiterzugehen, möglichst viel von diesem seltsamen Ort zu erkunden. Das Auge ist nicht mehr bei mir. Ich frage mich, was es zu bedeuten hat, dann höre ich plötzlich Stimmen. Viele Stimmen. Die Umgebung wird schwach durch Autoscheinwerfer beleuchtet. Ich sehe, dass ich auf einer großen Wiese gehe. Die Landschaft ist hügelig. Vereinzelt stehen Bäume – mächtige, alte Bäume. Wieder höre ich Stimmen. Links von mir? Nein! Hinter mir. Also drehe ich mich um und sehe ein paar Jugendliche in meinem Alter.

“Wo sind wir hier?”, frage ich. “Auf einer Studienfahrt.”, antwortet mir eine Frau. Sie lächelt mir zu. Ich kann mich an keine Studienfahrt erinnern, bei der ich nachts über unebene Wiesen gewandelt bin. Da erinnere ich mich mit einem Mal an die Worte des Auges: Es kann ja sehr wohl sein, dass ich niemals an einem Ort wie diesem war – vielleicht ist der Ort nur eine Art Collage aus verschiedenen Erinnerungen. Daher will ich mich nicht länger wundern und beschließe, der Gruppe zu folgen.

Wir überqueren die Wiese und kommen zu einem alten, großen Haus – wohl ein ländliches Gasthaus. Dort stehen noch weitere Jugendliche auf dem Vorplatz und erzählen oder hören Musik. Alles scheint so normal – fast so, wie in meiner früheren Welt, außer dass es finstere Nacht ist und es unangenehm riecht. Nach Essensresten, will ich meinen. Immerzu schaut einer der Jugendlichen auf seine Uhr.

“Wir müssen uns beeilen, weißt du? Wir haben nur eine halbe Stunde für unseren Rundgang.”, erklärt mir ein Mann. Ich versuche auf meine Uhr zu blicken, doch ich werde von einem anderen Mann unsanft angestoßen. “Es tut mir leid! Ich muss mich beeilen. Ich möchte ganz hinten im Bus sitzen.” Das ist also seine Entschuldigung. Er verschwindet im Dunkel der Nacht und ich bekomme Kopfschmerzen. Da ich keine Lust verspüre, länger hier stehen zu bleiben, folge ich ihm. Ich bin mir zwar noch nicht darüber im Klaren, wohin er mich genau führt, doch er scheint den Weg zum Bus zu kennen.

Die Gruppe, die mich auf der Wiese getroffen hat, macht es mir gleich. “Du hast völlig Recht, machen wir uns auf zum Bus.” Während sie mir dies sagt, klopft mir die Frau, die bereits vorhin mit mir gesprochen hat, ermunternd auf die Schulter. “Wohin fahren wir dann eigentlich?” Sie lächelte. “Na ja, wohin wohl! Zurück!”

Plötzlich verspüre ich Stress und Unbehagen. Ich fühle mich, als müsste ich einen straffen Zeitplan einhalten, der unmöglich einzuhalten war. Jemand in meiner Nähe hat sich soeben eine Zigarette angesteckt. Ich rieche den Rauch. Widerlich – doch es riecht immer noch besser als dieser hässliche Geruch diverser Essensreste.

Jetzt kann ich den Bus sehen. Es ist einer der Schulbusse, die man oft in amerikanischen Filmen sieht: Er ist hässlich gelb gestrichen mit einem schwarzen Streifen. Ich steige ein, wie alle anderen auch. Es scheint nicht für alle einen Sitzplatz zu geben. Manche müssen stehen, andere setzen sich einfach auf den Boden. Davon unbeeindruckt fährt der Fahrer los. Wir fahren durch dunklen Wald. Es riecht nicht mehr so streng, doch das Stressgefühl und die Kopfschmerzen bleiben. Ich möchte am liebsten aussteigen. Außen ist alles so dunkel. Doch auch die Fahrgastkabine ist nicht beleuchtet. Ich möchte aussteigen. Ob es draußen wohl kalt ist? Ist es kalt? Ich glaube schon. Ich möchte aussteigen.

Der Bus hält. Ich steige aus.

03 Verzerrte Erinnerungen

Wie es meinem neugierigen Wesen entspricht, entscheide ich, mir das Fahrgeschäft hinter den neo-klassischen Säulen näher anzuschauen. Im Gehen bemerke ich, wie mir das Auge wortlos folgt. Die Stille, welche dieser Ort ausstrahlt, hat etwas beruhigendes. Ich bin mir sicher, dass mir nichts passieren kann. Voller Zuversicht gehe ich voran, bis ich endlich das Fahrgeschäft erreicht habe. Es handelt sich hier um ein deutsches des Typs ‘Break Dance’. Unversehens beginnt es sich zu drehen, doch die Gondeln verhalten sich nicht so, wie es die Gesetze der Physik in meiner früheren Welt erfordern würden. Es scheint, als sehe ich eine Zeitlupenaufnahme der sehr schnell drehenden Plattform und der Gondelkreuze. Zu meinem Erstaunen sind alle Gondeln leer und mein Blick mag sich an dieser Kuriosität gar nicht satt sehen. Solch eigenartige Bewegungsabläufe habe ich noch nie gesehen.

“Versuche das nicht zu verstehen.”, ermahnte mich das Auge. “Derartiges wirst du noch oft sehen. Die Gesetze der Physik gelten gewiss für Aluminium und Stahl, nicht aber für Erinnerungen. Erinnerungen verzerren sich und bis letztlich Traumbilder aus ihnen werden, ähneln sie nur noch entfernt dem, was du bisher als Realität kanntest.”

Ohne ein Wort zu sprechen, blicke ich mich zu ihm um, dann setze ich meinen Weg fort. Ich will erkunden, was sich hinter dem Fahrgeschäft befindet. Nachdem ich es umkreist habe, sehe ich weitere Ladenfronten, die den Platz hinter den Säulen begrenzen. Im Grunde ist es ein großer Platz, der von den Säulen – es sind sieben – in zwei gleichgroße Hälften getrennt wird. Die eine Ladenfront ist allerdings keine: Zwar erinnert das leere Rechteck in der Wand daran, dass hier einmal ein Schaufenster eingesetzt war und der Türrahmen an eine Ladentür, doch hinter beidem herrscht Dunkelheit. Ich beschleunige meinen Schritt, weil ich es natürlich kaum erwarten kann, zu erfahren, was mich in der Dunkelheit erwartet.

Im Inneren angekommen sehe ich ein schwaches Licht, das sich circa fünfzig Meter von mir entfernt befinden muss. Sicheren Schrittes gehe ich auf das Licht zu. Es wird heller und heller und als ich um eine Ecke biege, stehe ich in einer wohl ausgeleuchteten Einkaufspassage. Die Läden sind jedoch alle leer. Die Schaufenster sind blutbefleckt, ebenso der Boden, die Decke, einfach alles. Es riecht sogar noch ein wenig nach Blut. Tote oder Verletzte sehe ich keine. Wie wundersam. Ich merke wie die starke Neugier meine aufkommende Angst besiegt und so gehe ich weiter. Ich stolpere über eine Handfeuerwaffe und drehe mich verwirrt zu meinem Begleiter um.

Noch bevor ich ihn fragen kann, was das alles bedeutet, lächelt er und erklärt: “Traumbilder bestehen meist aus den finstersten Schrecken, aus den größten Ängsten und den drückendsten Sorgen. Aber das ist nicht deren Schuld. Wie ich bereits sagte: Traumbilder bestehen zum Großteil aus Erinnerung. Und du erinnerst dich nicht nur an das, was du erlebt hast. Deine Erinnerung enthält all das, was deinem Geist wichtig erschien, ihr zu übergeben. Ob dieses Umstandes ist dieser Ort nicht nur die Summe deiner Erlebnisse, sondern die Summe von allem, was du je gesehen, gehört oder imaginiert hast – sofern es deiner Erinnerung übergeben wurde.”

“Das heißt, weil ich irgendwann einmal eine solche Szene in einem Film gesehen, in einem Buch gelesen oder mir durch eine Erzählung vorgestellt habe, existiert diese Einkaufspassage?”

“Nicht ganz, aber du beginnst, die Dinge klarer zu sehen. Erinnerungen verändern sich. Diese Einkaufspassage ist sehr wahrscheinlich das Produkt mehrerer Erinnerungen, denn Erinnerungen verändern sich nicht nur, sie verschmelzen auch. Wenn allerdings mehrere, stark verzerrte Erinnerungen miteinander verschmelzen, entsteht etwas völlig Neues. So wirst du hier auch Bereiche auffinden, die dir völlig fremd sein werden. Sie haben sich schon so sehr verändert, dass du sie selbst dann nicht wiedererkennen würdest, wenn du auf all jene Erinnerungen zugreifen könntest, die sie erzeugt haben.”

02 Invokation

Oh Muse, Klio, stehst du mir bei, hilfst du mir, wenn ich über die Erlebnisse in dieser eigenartigen Traumwelt berichte? Ich habe nichts zur Hand, kein Stift, keine Kreide, keine Feder, nichts zu schreiben. Ich habe nicht einmal etwas, worauf ich schreiben könnte: kein Papier, kein Stein, keine Holztafel. Alles, was ich mitteilen will, muss ich mir erdenken. Hilfst du mir, anderen an meinen Berichten teilhaben zu lassen? Hilfst du mir, die äußerst beschwerliche Aufgabe zu bewältigen, die sich immer wandelnden Dinge in diesem seltsamen Ort in Worte zu fassen, all meine verrückten Erlebnisse zu beschreiben, auch wenn ich keine Helden habe, die ich preisen, keine Taten habe, die ich rühmen könnte?

Ach Kalliope, wie gerne würde ich auch dich anrufen und um Beistand bitten, aber ich weiß wohl, dass meine Stimme nicht mehr in die Welt dringt, in der ich zuvor gelebt habe. Keine meiner Worte dringen mehr aus diesem Ort, kein Seufzen, kein Lachen. Niemand wird mehr in meiner Welt Notiz von mir nehmen. Vergebens würdest du mir deine besonders schöne Stimme leihen. Vergebens würdest du mich in langen Reden unterstützen, so wie du schon unzählige berühmte Redner unterstützt hast. Was würde mir die Beweiskraft eines Marcus Tullius Cicero nützen, was das Charisma eines Caius Iulius Caesar?

Und du Melpomene, wie könntest du mir helfen? Für meine wundersame Reise bist du gar zu ernst. Ich will nicht hoffen, dass sie dir einmal so traurigen Stoff bieten wird, dass du Lust dazu verspürst, mit deiner ernsten Theatermaske meine Erzählerin zu sein.

Soll ich etwa, Terpsichore, meine Gedanken tanzen? Meine Gefühle, meine Eindrücke in einem Reigentanz zum Ausdruck bringen? Wer in meiner früheren Welt würde mich tanzen sehen? Wer vermag diese Tänze zu deuten, wenn er das, was durch solche Tänze ausgedrückt würde, nicht einmal ersinnen kann?

Du Thalia, scheinst mir wiederum zu fröhlich zu sein. Die Eigenart des Ortes wirkt mir zu erhaben, die Fülle an Erinnerungen zu melancholisch als dass man über alles lachen könnte. Ich glaube nicht, dass es angebracht wäre, alles durch deine lachende Theatermaske zu erschauen und dabei vielleicht den tieferen Sinn mancher Momente zu übersehen.

Ach an wen soll ich mich noch wenden? An dich Euterpe? Verlangst du doch aber ein festes Versmaß! Verlangst du doch, dass mit so wenigen Worten so viel gesagt wird. Doch schau wie schwer es mir fällt, überhaupt darüber zu sprechen, was sich schier nicht beschreiben lässt, weil es über alle Vorstellungen, die ich einmal hatte, hinaus geht. Selbst wenn du mir helfen könntest, diese Worte in meine frühere Welt zu schicken, würde dort wohl niemand die ohnehin schon schwer zu begreifendenden Dinge in deinen hermetischen Gedichten verstehen können. Und du, Polyhymnia, weißt wohl, dass derartige Gedichte auch durch Gesang nicht verständlicher werden.

Erato, was blickst du mich so fordernd an? Soll ich mich hier etwa in ein Traumbild verlieben, das mich niemals zurücklieben kann, weil es nur aus Erinnerung besteht? Wird mich Amor auch an diesem Ort quälen, so wie er mich in meiner Welt gequält hat und verlangst du allen Ernstes von mir, dass ich darüber spreche? Willst du all denen in meiner früheren Welt durch meinen Geist mitteilen, dass sie auch an einem Ort wie diesen nicht von Amors Höllenqualen verschont werden? Warum willst du ihnen nicht die Hoffnung lassen, letztlich Frieden zu finden?

Wenn dieser Ort irgendwo im Gestirn des Kosmos verborgen wäre, wärest wohl du die richtige Muse, Urania, die ich um Beistand bitten müsste, doch mein Verstand kann nicht einmal erahnen, wo sich dieser befremdliche Ort befindet. So bin ich außer Stande zu wissen, ob du mir beistehen kannst.

Oh ihr olympischen Musen, vielleicht ist es das Beste, wenn ihr mir alle beisteht. Ich weiß nicht, was mich hier alles erwartet, doch ich erahne, dass es alle Annahmen sprengen, über alles Vorstellbare hinausgehen und die Grenzen eurer Tätigkeit durchbrechen wird. Ich möchte euch nicht vermessen erscheinen, und doch bitte ich inständig um euren Beistand, so dass ich die besonders Neugierigen aus meiner alten Welt an meinen Erlebnissen teilhaben lassen kann, auf dass auch sie einmal die Möglichkeit haben, an einen solchen Ort zu gelangen.

Darum bitte ich euch. So sei es!

01 Sterbe ich?

Sterbe ich? Mein Zimmer verliert an Konturen. Um mich herum dunkelt es. Mir wird ganz seltsam zumute. Allmählich fühle ich, wie ich dieser Welt entschwinde. Was ist das? Ich bin doch erst 24 Jahre alt. So früh schon? Außerstande mein Mobiltelefon zu erreichen, um mir Hilfe zu verschaffen, außerstande mich gegen meine Ohnmacht zu wehren, lasse ich es geschehen. Alles ist schwarz. Dann wache ich auf. Doch nicht mehr in meinem Zimmer.

Ich befinde mich auf einem gepflasterten Platz. Er misst ungefähr fünfzig mal fünfzig Meter und ist von drei Seiten umringt von altertümlichen Häusern, die vierte Seite jedoch begrenzen neo-klassische Säulen. Hinter diesen Säulen steht ein Rundfahrgeschäft wie auf einer Kirmes, doch es herrscht drückende Stille. Die Häuser mit ihren Ladenfronten scheinen bewohnt zu sein, denn es brennt vereinzelt Licht, obwohl es nicht Nacht ist. Es ist eher Morgendämmerung. Oder Abenddämmerung? Ich bin mir nicht sicher. Gerade will ich es wagen, in einen der kleinen Läden zu gehen, um mich zu erkunden, wo ich mich befinde, doch ich nehme plötzlich eine Person hinter mir wahr. Eben noch war der Platz leer, als ich die Häuser und die Säulen erschaute und ich kann es mir nicht erklären, wie dieser jemand hierher gekommen ist. Ich habe nicht einmal Schritte gehört. Noch ehe ich mich ganz umdrehen kann, spricht der Mann zu mir: “Willkommen.” “Wo denn?” Er sieht mich irritiert an, als ob die Frage selbstbeantwortend wäre: “Hier.”

Der Mann trägt einen grauen Mantel, hat braunes gerade zurückgekämmtes Haar, dichte Augenbrauen, die ihn irgendwie vertrauenswürdig aussehen lassen, und braune, wache Augen. Er ist seinem Aussehen nach zu urteilen etwa in meinem Alter, wirkt im Hinblick auf seine Gestik und Mimik aber leicht älter. Ich bin voller Neugierde und suche alles über diesen seltsamen Ort zu erfahren.

“Wer bist du?” Der Mann lächelt. “Ich bin das Auge. Von nun an dein ständiger Begleiter. Aber du musst wissen, dass nicht alle hier Namen haben. Ich habe einen, damit du dich stets an mich erinnern und mich rufen kannst, aber einige haben keinen.” Wie seltsam. “Aber muss nicht jeder Mensch einen Namen haben? Existiert man überhaupt ohne Namen?”

Er tritt einen Schritt näher, klopft mir auf die Schulter und lächelt abermals bevor er solche Worte hervorbringt: “Das ist möglich, doch ich bin kein Mensch. Wir sind keine Menschen. Du magst wohl einer sein, wir aber sind Traumbilder. Wir sind Erinnerung und Seele, Persönlichkeit und Erfahrung, Wissen und Vermutung, fremd und doch vertraut, aber nicht in allem widersprüchlich, nur anders. Dieser Ort kann nicht mit deiner Welt verglichen werden, weil er keine feste Größen hat. Etwas variables kann mit keinem konstanten verglichen werden. Dieser Ort ist zu komplex, um von uns verstanden zu werden, aber wir können ihn erleben. Das Unglück ist nur, dass du alles, was du erlebst auch verstehen willst. Ich kann mir vorstellen, dass dir die erste Zeit hier sehr schwer fallen wird, aber du wirst dich daran gewöhnen und ihn schätzen. Hier ist so vieles mehr möglich, als in deiner Welt. Hier gibt es keine Schranken, weil Schranken etwas konstantes sind. Dein Geist, der lange Zeit in vorgeschriebenen Mustern dachte, wird sich zunächst einmal aufblähen, da es nichts mehr gibt, was ihn zusammenhält. Er wird sich in alle möglichen Richtungen verzetteln, sich selbst verwirren und neu durchmischen. Wenn er sich dann aber wieder ordnet, wird er klarer sein als je zuvor, weil er die unzähligen Variablen dieses Ortes zwar nicht begreift, aber erfahren kann. Er wird vorzüglich mit diesem Ort verschmelzen und dann wirst du Zugang zu allen Bereichen haben. Freue dich also über deine Ankunft! Freue dich darüber, an diesem wunderbaren Ort angekommen zu sein. Nicht vielen ist es gestattet, an einen Ort wie diesen zu gelangen, weil sie bereits andere Vorstellungen haben. Nur wer den Erinnerungen an seine Träume einen festen Platz in seiner Vorstellungswelt geschenkt hat, hat das Glück irgendwann in die Welten seines Geistes zurückkehren zu dürfen. Freue dich also über dieses Geschenk und sei mir willkommen!” So sprach er.

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